Es könnte für immer sein

Jeden Tag Abschied nehmen - Kolumne von Susanne Breit-Keßler*

Susanne Breit-Keßler war evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern
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Susanne Breit-Keßler war evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern

Am 11. September 2001 klingelten in den USA die Handys. Frauen und Männer verabschiedeten sich. „Du bist der Sonnenschein meines Lebens“, ein „ich liebe dich“, bevor das World Trade Center in sich zusammenstürzte und Tausende von Menschen unter sich begrub.

Sie hatten versucht, telefonisch alles zu sagen, was ihnen wichtig war – und das ist im Angesicht des Todes nicht mehr viel, aber wesentlich. Der andere soll nicht zurückbleiben, ohne noch einmal gehört zu haben, dass er einem alles bedeutet.

Sie alle waren morgens wie gewohnt aus dem Haus gegangen: Man schüttet den Kaffee herunter, der Ehemann hat vergessen, den Müll wegzubringen, sie kommentiert das bissig, er fragt nach dem Tagesablauf. Sie ärgert sich, weil sie längst gesagt hat, was erledigt werden muss. Er mäkelt in letzter Sekunde an ihr herum, weil die Bluse einen Fettfleck hat – sie passt ja nie auf beim Essen - … Rumms, Tür zu und tschüss! Ein leichtfertiger Abschied. Niemand weiß, wann es tatsächlich das letzte Mal ist, dass man die Partnerin, den Ehemann und die Kinder in die Arme schließt.

Viele Hinweise darauf, dass dieses Leben von Vergänglichkeit gekennzeichnet ist

Ein Autounfall oder Eisenbahnunglück, ein Herzinfarkt – und als letztes Wort ein Kommentar zu Biomüll und Saucenflecken? Eine grauenvolle Vorstellung. Man könnte es besser wissen. Vom Ende des Tages und der Nacht bis hin zu den Jahreszeiten gibt es unendlich viele Hinweise darauf, dass dieses Leben von Vergänglichkeit gekennzeichnet ist. Wie kann man lernen, angesichts dieser Tatsache klug zu werden? Ein Spaziergang zum Bahnhof, eine Fahrt zum Flughafen, ein Besuch im Krankenhaus.

Überall Menschen, die sich umarmen, als wär´s das letzte Mal. Es wird geküsst, geweint und gewunken. Man will Liebes ausdrücken, anderen „Bemerkenswertes“ sagen. Abschied fordert kein Geschwätz, sondern die Hauptsache. Man kann herzliche Wünsche mitgeben – „fahr gut“, „hab acht auf dich“. Oder Sehnsucht ausdrücken: „Ich freue mich schon jetzt auf dich!“. Wer sagt: „Ich komme nach“, weiß um die Tiefendimension des Lebens.

Was mag das vorerst letzte Wort sein? Statt „tschüss“, „bis die Tage“ oder „wir telefonieren“ lieber „a dieu“, „Gott befohlen“ oder „behüt dich Gott“. Das Leben und seine Dauer liegen nicht allein in unserer Hand. Ein zärtlicher Kuss, eine innige Umarmung, ein Einatmen am Hals des anderen, um seinen Duft in Erinnerung zu behalten – mindestens bis zum Wiedersehen. Eine Kultur des Abschieds ließe sich entwickeln, eine liebevolle Art und Weise, auseinander zu gehen in dem Wissen, es könnte für immer sein.

*Die frühere evangelische Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler ist Vorsitzende des Ethik-Rates.