Jüdische Nachbarn sitzen quasi auf gepackten Koffern

Jedes Jahr Weihnukka! - Gastkolumne von Regionalbischöfin Susanne Breit-Kessler*

Susanne Breit-Kessler, evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern.

Die Synagogen sind wieder allein. Menschen- und Lichterketten haben sich verzogen. Betroffenheitslyrik ist verstummt. Es geht weiter, wie gehabt.

Wer Glück hat, lebt in Bayern und kann sich mitsamt seinem Gotteshaus und den entsprechenden Einrichtungen auf den Schutz der Polizei verlassen. Trotzdem sitzen nicht wenige unserer jüdischen Nachbarn quasi auf gepackten Koffern.

Sie müssen sich nach wie vor sorgen, wenn sie in der Öffentlichkeit Hebräisch oder Jiddisch sprechen, wenn sie eine Kippa tragen und auf Grund ihrer Haartracht und Kleidung als Juden zu erkennen sind. Die Prominenz unter ihnen braucht weiterhin Leibwächter. Nach dem Attentat von Halle hat es eine eindrucksvolle deutschlandweite Welle der Solidarität gegeben - aber es wird sich erst einmal nichts ändern.

Wir müssen tatsächlich Leben, Gottesdienste und Einrichtungen unserer jüdischen Freunde täglich schützen. Das ist kein Alarmzeichen. Es ist kein Armutszeugnis. Es ist eine elende Schande für unsere Gesellschaft. Und es ist Zeichen für einen Rechtsterrorismus, der überall in der Gesellschaft seine Wurzeln geschlagen hat. Wer sich davon wieder mal überrascht zeigt, muss sich fragen lassen, wo er eigentlich lebt.

Es ist höchste Zeit, dass alle aufrechten Demokraten sichtbar machen, wer in dieser Gesellschaft von wem bedroht ist. Wir sollten nicht mehr zulassen, dass die jüdische Gemeinde täglich im Geheimen leben und beschützt werden muss. Solange von Normalität nicht die Rede sein kann, sollten wir unsere Kinder in jüdische Kindergärten und Schulen schicken. Wir könnten dort, wo es gewünscht ist, am Sabbat als Gäste in den Gottesdienst kommen.

Der jüdische Feiertagskalender sollte in jedem Haushalt hängen. Feiern wir mit an Rosch ha-Schana, an Jom Kippur, Sukkot, Pessach, Schawuot. Singen wir demnächst am Ende der Adventszeit fröhlich zu Chanukka oder besser: Weihnukka. Jedes Jahr freue ich mich, wenn meine jüdischen Freunde und ich uns zum Lichter- und zum Christfest munter solche Karten schreiben, in denen wir das Gemeinsame erstmal kreieren und dann hervorheben.

Reden und schreiben ist gut. Machen ist besser, solange wir von einer unbekümmerten Normalität jüdischen Lebens in diesem Land meilenweit entfernt sind. Juden und Jüdinnen müssen sich auf unseren persönlichen und gesellschaftlichen Schutz verlassen können. Sie sollen wissen, dass wir an ihrer Seite sind. Aber mindestens so wichtig ist das Ziel: diesen Schutz überflüssig zu machen. Nur das ist wirklich Freiheit.

*Susanne Breit-Kessler ist noch bis 1. Dezember evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern. Künftig schreibt sie alle zwei Wochen eine Kolumne im Bayernteil.

Sie erreichen die Autorin per mail unter: bayern@merkur.de

Quelle: Merkur.de