Kolumne von Susanne Breit-Keßler*

Jung sein kann jeder – alt werden ist die Kunst

Susanne Breit-Keßler war evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern
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Susanne Breit-Keßler war evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern

Wir sind in München. Der Stadt, die die beste Fußballmannschaft der Welt beherbergt. Spielt aber jetzt mal keine Rolle. Roman Bürki, der Schweizer Torhüter von Borussia Dortmund, wird nämlich an diesem Samstag 30 Jahre alt.

Wir sind in München. Der Stadt, die die beste Fußballmannschaft der Welt beherbergt. Spielt aber jetzt mal keine Rolle. Roman Bürki, der Schweizer Torhüter von Borussia Dortmund, wird nämlich an diesem Samstag 30 Jahre alt. Das ist nicht wirklich ein Grund zum Feiern, wie einem weisgemacht wird. Kommentatoren in Hörfunk und Fernsehen betonen immer wieder, dass man in solch doch sehr fortgeschrittenen Alter „nicht mehr der Jüngste ist“. Da fällt mir ein: Manuel Neuer ist ja auch schon 34 ...

Bei der Fußball-WM vor vier Jahren meinte ein Sportjournalist: „Der alte Mann hat seinen Platz verteidigt“. Es ging um Orges Shehi, Torwart Nummer zwei bei Albanien. Damals 38 Jahre alt, mit einer Länderspielkarriere, die er erst wenige Jahre vorher begonnen hatte. Hat sich eigentlich schon mal jemand überlegt, was solche unfeinen Kommentierungen mit mir und anderen Best Agers machen? Bürki könnte mein Sohn sein, Neuer und Shehi auch. Bin ich alt? Nicht doch!

Abraham ist in späten Jahren losgezogen, um ein ganzes Volk zu gründen

Gianluigi Buffon, der Keeper von Italien ist 42. Spielt unangefochten bei Juve! Seinen Vertrag hat der Rekordspieler der Serie A in diesem Sommer verlängert. Für ein Jahr erstmal. Was sagt uns das? Die erfahreneren Spieler, die bewachen das Tor. Es sei denn, sie rasen wie sintemalen Buffon bei einem Sieg über das gesamte Feld und springen aufs Tor los. Ein Lattenkracher der eigenen Art. „Ich habe mich ein bisschen verletzt“ sagte Buffon. „Ein bisschen“. Lange nicht so zimperlich wie manch Jüngerer.

Ein älterer Spieler steckt wie unsereins schon mal was weg. 50 Sportler der Bundesliga gehören zu den in der letzten Woche „ältesten eingesetzten“ Spielern. Dieses „älteste“ beginnt mit 30 Jahren, elf Monaten und 15 Tagen und Lukas Hradecky, dem finnischen Keeper von Leverkusen. Es endet beim Japaner Makoto Hasebe mit seinen fast 37 Jahren, der für Eintracht Frankfurt über den Platz flitzt. Er war dabei, als die Hessen den Bayern beim Pokal-Endspiel 2018 eine üble Niederlage verpassten. Schwamm drüber.

Eines sollte man beherzigen: Jung sein kann jeder. Älter werden ist die wahre Herausforderung. Und ich rede nicht von amerikanischen Präsidentenwahlen. Abraham, der biblische Erzvater, ist mit 75, andere sagen, mit 99 losgezogen, um ein ganzes Volk zu gründen. Im letzteren Fall könnte er mein Vater sein. Und der Großvater von Roman Bürki. Herzlichen Glückwunsch übrigens. Das Leben hat gerade erst begonnen.

*Die frühere evangelische Regionalbischöfin Susanne Breit-Kessler ist Vorsitzende des Ethik-Rates.