Arzt aus Kempten engagiert sich für Sea Eye

„Die Lösung ist nicht, Menschen ertrinken zu lassen“

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Mit dem Rettungsschiff Seefuchs ist die Regensburger Hilfsorganisation Sea Eye im Mittelmeer unterwegs.

Tilman Mischkowsky hat als Unfall-Chirurg oft um das Leben von Menschen gekämpft. Seit er im Ruhestand ist, tut er das nicht mehr im OP, sondern auf dem Mittelmeer, gemeinsam mit der Hilfsorganisation Sea Eye. Doch dieser Kampf wird immer schwieriger.

Tilmann Mischkowsky ist seit einem halben Jahrhundert Mediziner. Eines hat sich für ihn in dieser langen Zeit nie geändert. „Es hat für mich nie eine Rolle gespielt, ob ich auf meinem OP-Tisch einen Täter oder ein Opfer liegen habe“, sagt er. Seit einigen Jahren steht der 76-Jährige aus Kempten nicht mehr im Operationssaal, sondern engagiert sich mit der Regensburger Hilfsorganisation Sea Eye für die Flüchtlingsrettung im Mittelmeer. „Und dabei spielt es genauso wenig eine Rolle, ob die Flüchtlinge zu Recht oder zu Unrecht versuchen, nach Europa zu kommen“, sagt Mischkowsky. „Was zählt ist, dass es Menschen in Not sind. Die Lösung des Flüchtlingskrise kann nicht sein, dass wir sie einfach ertrinken lassen.“

Prof. Tilman Mischkowsky aus Kempten. 

Als er vor einigen Jahren im Radio von dem Unternehmer Michael Buschheuer hörte, der einen alten Fischkutter gekauft hatte, um damit Menschen vor der libyschen Küste aus Seenot zu retten, meldete er sich sofort bei ihm, um zu helfen. Das ist inzwischen drei Jahre her. Seitdem hat die Sea Eye bei der Rettung von mehr als 13 000 Menschen geholfen. Mischkowsky ist inzwischen einer der Vorstände der Organisation. Er kümmert sich vor allem um die Finanzierung der Missionen – und die wird immer schwieriger. Denn es gibt in der Öffentlichkeit immer weniger Aufmerksamkeit für die Situation im Mittelmeer. Und dadurch auch weniger Spenden. Die fünf Vorstände haben deshalb insgesamt selbst 50 000 Euro in die Hand genommen. Damit wollen sie jede Spende, die über www.betterplace.org eingeht, verdoppeln. „Wenn wir auf 100 000 Euro kommen, können wir damit die Missionen bis Jahresende finanzieren“, sagt er.

Doch die Finanzierung der Einsätze ist nur eines der Probleme, mit denen Mischkowsky und sein Team gerade zu kämpfen haben. „Der Gegenwind wird stärker“, sagt der Chirurg. Die Anfeindungen, die die Hilfsorganisationen bekommen, seien weniger das Problem, sagt er. „Ich habe ein unheimlich breites Kreuz und kann vieles aushalten.“ Doch die Zusammenarbeit mit der zuständigen Seenotrettungsstelle MRCC in Rom wird immer schwieriger. Schon zweimal hat sie keine Unterstützung geschickt und die Organisation gezwungen, die Flüchtlinge selbst nach Italien zu bringen. Das sei nicht nur sehr gefährlich, weil das Schiff dafür nicht ausgerüstet ist, sondern auch der Crew und den Flüchtlingen nicht länger zumutbar. Mischkowsky ist überzeugt: „Wir sollen ausgehungert werden.“ Er hat einen Brief ans MRCC verfasst – mit klaren Worten, wie er sagt. Eine Antwort bekam er nicht. Es ist eine Herausforderung mehr, die nun zur Lebensrettung auf dem Mittelmeer dazugekommen ist. Aber aufgeben ist keine Option, betont der 76-Jährige. Für sein Engagement investiert er pro Woche etwa 90 Stunden. „Das ist kein Problem, ich bin belastbar wie ein Esel“, sagt er. Zumindest dann, wenn es um Menschen in Not geht.

Quelle: Merkur.de