Mit Kommunikations-Chef des Erbistums München und Freising

„Paulus würde heute twittern“ - Interview: Wie die Kirche ihren digitalen Tiefschlaf beenden will

Gottesdienst in Zeiten von Corona, das geht nur mit Abstand, hier: Liebfrauendom.
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Gottesdienst in Zeiten von Corona, das geht nur mit Abstand, hier: Liebfrauendom.

Bernhard Kellner, Kommunikations-Chef des Erzbistums München und Freising, nennt im Interview überraschende Zugriffszahlen auf seine Webseiten während des Corona-Lockdowns - und will nun online eine völlig neue Zielgruppe für die Kirche erschließen.

Der Lockdown wegen der Corona-Krise hat auch die katholische Kirche in ihrem Innersten getroffen: Über Wochen waren Gottesdienste nicht möglich. Messfeiern im Internet waren nicht nur eine Notlösung, es gab einen Digitalisierungsschub. Bernhard Kellner, Leiter der Stabsstelle Kommunikation im Erzbistum München und Freising, sieht hier eine große Chance, erste Kontakte gerade zu jüngeren Menschen zu knüpfen.

Will die Kirche digital revolutionieren: Bernhard Kellner, Kommunikations-Chef im Erzbistum München und Freising.

Wie wird das Internet-Angebot des Erzbistums angenommen, Herr Kellner?

Kellner: Das ist für alle eine große Freude: Das Angebot wird sehr gut angenommen. Auf die 150 Gottesdienste aus dem Dom, die seit dem Lockdown bis Ende Juli gestreamt wurden, gab es 1,5 Millionen Zugriffe. Das ist eine unglaublich hohe Zahl. Und dazu kommen noch die vielen Pfarrgemeinden, die ebenfalls ihre Gottesdienste übertragen haben, sodass wir insgesamt noch von weitaus höheren Zahlen ausgehen können. Neben den Gottesdiensten wurden weitere Formate entwickelt: Videoimpulse, Meditationen, Auslegungen von Tageslesungen zum Beispiel.

Ist das die Lösung für die Probleme in der Kirche: Dass man übers Internet die Menschen erreicht?

Kellner: Es ist nicht der Königsweg, aber er eröffnet völlig neue Möglichkeiten. Die Kirche kann dahin gehen, wo sich viele Menschen aufhalten – und das ist nun einmal das Netz. Vor allem junge Leute verbringen hier viel Zeit. Kirche kann ihnen dort begegnen. Man muss es allerdings auch wollen und sich dorthin aufmachen.

Live übertragene Gottesdienste können aber doch kein Ersatz sein für die persönliche Mitfeier?

Kellner: Das will auch niemand. Ich kenne keinen Katholiken, der sagt, jetzt stellen wir komplett auf die Streams um und verzichten auf die Heilige Messe. Nein, viele Gläubige sehnen sich weiterhin danach, die Eucharistie in Gemeinschaft in einer Kirche feiern zu können und die Kommunion zu empfangen. Doch das ist keine Konkurrenz, die digitale Möglichkeit kommt einfach hinzu. Die beiden Welten können sich ergänzen.

Haben Sie Kenntnis darüber, wie lange die User auf den Angeboten verweilen? Wenn ein Mensch den Kopf durch die Kirchentüre steckt und dann wieder verschwindet, ist er ja auch noch kein Gottesdienstbesucher.

Kellner: So ist es. Aber immerhin steckt dieser Mensch den Kopf durch die Tür und schaut mal hinein! Er interessiert sich dafür. Bei uns war es so, dass wir in den ersten sieben Monaten dieses Jahres über unserer Website 7,2 Millionen Menschen erreicht haben. Und davon waren 78 Prozent neue Nutzer – sie waren vorher noch nie auf unseren Seiten. Das überraschendste aber war, dass die größte Altersgruppe die der 24- bis 35-Jährigen war mit genau 26 Prozent. Eine Klientel, die wir sonst kaum erreichen.

Wie erklären Sie sich das?

Kellner: Das zeigt, dass unsere Angebote eine hohe Relevanz haben. Derzeit erleben wir vieles, was unsere Welterklärung infrage stellt: Wir haben eine Pandemie, es gibt eine ausgeprägte Sinnsuche und eine ganze Menge von teilweise absurden Leuten wie zum Beispiel Verschwörungstheoretiker, die für all diese Fragen Erklärungsmuster bereithalten. Es kann doch nicht sein, dass solche Personen mit ganz abwegigen Ideen eine Deutungshoheit erlangen! Wer, wenn nicht die Kirchen, hätte hier die Möglichkeit, den Menschen die Welt zu erklären, ihnen bei ihrer Suche nach dem Sinn beizustehen, sie seelsorglich zu begleiten und ihnen Horizonte aufzuzeigen?

Kritiker befürchten, eine digitale Kirche könnte die Entfremdung vorantreiben und die Eucharistie an den Rand drängen. Wie berechtigt ist die Sorge?

Kellner: Gerade das Gegenteil ist der Fall! Die Menschen müssen erst einmal begreifen, dass es uns gibt. Viele wissen das heute gar nicht mehr so genau. Man kann nicht davon ausgehen, dass Generation über Generation nachwächst, die quasi automatisch unsere kirchlichen Angebote annimmt. Der Apostel Paulus hat sich seinerzeit auf den Weg nach Rom gemacht – dem Wort „Gehet hin und lehret alle Völker“ folgend hat er sich ins Zentrum der antiken Welt begeben und dort die Botschaft viral verbreitet. Ich bin überzeugt, dass ein neuer Paulus dorthin gehen würde, wo er Menschen begegnet. Ich bin sicher, er würde twittern, er hätte einen Facebook-Account, er wäre auf YouTube und würde den Menschen dort Fragen beantworten, die sie sich auf ihrer Suche nach Gott stellen.

Hat die Kirche den Trend verschlafen?

Kellner: Es geht darum, dass die Kirche die Themen besetzt und präsent ist. Bis jetzt hat sie sich nicht gerade als Vorreiterin hervorgetan. Doch die Zeit des digitalen Tiefschlafs muss enden. Wir müssen die Themen, die anstehen, dorthin bringen, wo sich die Menschen aufhalten. Man muss auf diesen Marktplätzen präsent sein und sich in der Sprache und in den Medien der Zeit äußern. Das gilt insbesondere für den Kontakt mit den jungen Menschen.

Was heißt das für die Zukunftsplanung im Erzbistum? Mehr Geld für mehr Internetangebote?

Kellner: Ich sehe hier riesige Chancen. Man kann mit diesen Angeboten an Menschen herankommen, die man sonst nicht mehr erreicht. Es braucht hier eine große Innovationskraft. Ob jetzt jedes Bistum völlig allein alle materiellen und personellen Mittel dafür aufbringen kann und muss, ist die Frage. Ich sehe als Vorbild mittelständische Verlage, die in vielen Fällen seit Jahren zusammenarbeiten, um gegen die ganz Großen im Internet zu bestehen. Es wird Kooperationen brauchen, und wir benötigen mehr Menschen, die in diese Netzwerke gehen und den Leuten dort die Botschaft bringen. Klar ist: Wir stehen erst am Anfang. Es gibt den Trend, dass sich viele, auch junge, Menschen interessieren. Was sind ihre Motivationen, was genau suchen sie? Wir sollten hinschauen, immer wieder Neues ausprobieren und die Angebote fortlaufend entwickeln.