Neues Vertrauen zu meinen Nachbarn gewonnen

Kobra an der Mülltonne - Gastkolumne von Regionalbischöfin Susanne Breit-Kessler*

Susanne Breit-Kessler, evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern.

Seit Neuestem betrachte ich meine Nachbarn etwas misstrauischer. Fußabstreifer überprüfe ich mit einem scharfen Blick auf Wölbungen. Lockere Betonplatten machen mich misstrauisch - und das bei einem Sechzigerjahre-Bau!

Ich knipse Licht im Keller an, wo ich vorher frohgemut durchs Dunkel getappt bin. Der Weg zum Mülltonnenhäuschen erfordert hellwache Aufmerksamkeit - viel Gras, etwas Gebüsch, zahlreiche dunkle Ecken. Warum ich so besorgt bin?

In Herne ist kürzlich eine Monokelkobra entwischt, die der Besitzer in einer 42 Quadratmeter großen Wohnung zusammen mit 20 anderen giftigen Reptilien gehalten hatte. Natürlich streitet er alles ab. Würde ich auch, wenn ich den gesamten Polizei- und Feuerwehreinsatz für die Suche nach dem entglittenen Vieh zahlen müsste. Und die Wut der 30 Mitbewohner ertragen, die tagelang nicht in ihre Wohnungen durften. Vier Häuser wurden evakuiert - die Stadt dachte sogar über eine Begasung der Wohnanlage nach.

Natürlich sind Schlangen wunderschön

Ein Schlangenexperte hat die Monokelkobra schließlich eingefangen und weggetragen. Mir ist nicht klar, was der Reiz an giftigen Tieren im Haushalt sein soll. Bis zu 20000 sollen es in deutschen Wohnungen sein. Natürlich sind Schlangen wunderschön - ihre eleganten Bewegungen, die Farben ... In natura habe ich sie schon oft respektvoll aus der Entfernung bewundert. Mein Wohlbefinden wäre aber beeinträchtigt, müsste ich mich zuhause vor Mitbewohnern hüten. Sie können so elegant sein, wie sie wollen.

Laut einer Studie des Robert-Koch-Institutes wird übrigens jede dritte Salmonelleninfektion bei Kleinkindern von exotischen Tieren ausgelöst. Als Jugendliche hatte ich Meerschweinchen. Ein braun-weißes, genannt Schnuffi. Und ein schwarz-weißes namens Bienchen. Ich kümmerte mich eifrig um die beiden, bestaunte ihre Intelligenz und liebte ihre Zuneigung. Krank wurden wir nicht voneinander und die Leute ringsumher beneideten mich um meine liebenswürdigen Kuscheltiere, die viel Freilauf im Grünen hatten.

In Nordrhein-Westfalen, wo Herne liegt, darf man Giftschlangen halten. Hauptsache artgerecht. Artgerecht? Meine ängstlichen Recherchen haben ergeben, dass in Bayern potentiell gefährliche Tiere bei der Gemeinde angemeldet werden müssen. Haltung ist nur bei nachgewiesenem berechtigten Interesse erlaubt. Also fast nie. Geschützte Tiere sind sowieso meldepflichtig. Bürokratisch nennen das Schlangenfans. Ich dagegen freue mich über neugewonnenes Vertrauen zu meinen Nachbarn. Allerdings die Dunkelziffer ...

*Susanne Breit-Kessler ist noch bis 1. Dezember evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern. Künftig schreibt sie alle zwei Wochen eine Kolumne im Bayernteil.

Sie erreichen die Autorin per mail unter: bayern@merkur.de

Quelle: Merkur.de