Mut zu unbequemen Gesprächen

Wer verstehen will, muss zuhören - Kolumne von Susanne Breit-Keßler*

Susanne Breit-Keßler war evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern.
+
Susanne Breit-Keßler war evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern.

„Wie geht‘s?“ fragt man und „Wohin sind Sie heute unterwegs?“. Schlichte Fragen, auf die die Antworten meistens „gut“, „in die Arbeit“ oder „nach Hause“ lauten. So informiert kann man unbehelligt seines Weges gehen.

München - Unbehelligt – das Wort kommt aus dem Mittelhochdeutschen und bedeutet, dass man vom Gegenüber nicht ermüdet, beschwert ist. Um diesen ungestörten Zustand zu bewahren, reicht Höflichkeit aus. Reicht ja manchmal wirklich. Denn natürlich mag und muss man nicht immer mit jedem und jeder tiefschürfende Gespräche führen.

Aber welche Fragen sind zu stellen, will man von einem Menschen wirklich etwas erfahren? Man müsste die ganze Lebensgeschichte in den Blick nehmen: Wo kommst du her? Was hast du zu anderen Zeiten empfunden? Da ist dann kein Platz mehr für Herumschwadronieren, weil der, der fragt, zuhört. Und der, der redet, seine Worte erst suchen und sammeln muss, will er wahrhaftig Anteil an sich geben. Sich nicht mit dem Augenschein abfinden verlangt Zeit. Wer sie sich nimmt, der trägt einen besonderen menschlichen Gewinn davon: echtes Verstehen.

„Solang‘ koane Bomb‘n foin …“, sagt eine sehr alte Dame im Supermarkt. Das ist ihr Kommentar zu Corona. Sie hat den Terror des Krieges miterlebt. Sie relativiert, was sie jetzt mitmacht, und bleibt bei allem Ernst unaufgeregt. Junge Leute, denen noch nichts Arges widerfahren ist, klagen darüber, dass sie nicht in den Jugendtreff können: „Wir sitzen zu Hause rum. Da ist kein Mensch. Bloß Eltern und Geschwister.“ Bloß? Ja - weil die meisten jüngeren Leute unserer Zeit bislang kaum Verlust und Verzicht erlebt haben. Und weil Freunde wichtig sind.

Auf Lebensgeschichten zu hören, das Woher zu achten und vorhandene oder fehlende Erfahrungen ernstzunehmen – da bleiben vorschnelle Urteile aus. Menschen, Generationen, Völker, Religionen, sie sind nicht fertig vom Himmel gefallen, sondern geworden. Es ist heilsam, wenn Menschen mitsamt ihrer Geschichte erst einmal angehört werden. Wenn einer einen Platz findet, an dem er erzählen kann, wie er wurde, dann lässt sich entdecken, dass seine Lebensgeschichte ihren inneren Sinn hatte. Und dass es oft ebenso sinnvoll ist, nicht dabei stehen zu bleiben.

Bei einem meiner Besuche in der JVA Stadelheim saßen mir drei Gefangene vor der Gesprächsrunde angespannt gegenüber. Einer fasste sich ein Herz und sagte: „Mia samma olle drei Sexualstraftäter. Aber mia mach‘ ma a Therapie!“ Ein Moment zum tief Luftholen. Immerhin: Drei bekennen sich zu ihrer verheerenden Geschichte. Sie sind im Werden mit bisher ungeahnten neuen Perspektiven. Sie wollen sich unbedingt ändern. Der Raum dafür lässt sich schaffen mit einer Sprache, die aus dem Zuhören kommt. Und dem Mut auch zu elend unbequemen Gesprächen.

*Susanne Breit-Keßler war evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern.