Umstrittene Strafurteile

Kommentar: Genau hinschauen und kein (vor)schnelles Urteil fällen

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Autorin Nina Gut erreichen Sie unter Gericht@ovb.net.

Es gibt tragische Unfälle, bei deren juristischer Aufarbeitung eine harte Strafe dem Geschehen nicht gerecht wird. Auch Beobachter sollten genauer hinsehen, findet unsere Redakteurin.

Immer wieder gibt es Gerichtsurteile, die Diskussionen in der Bevölkerung hervorrufen, oft auch Unverständnis. Diese Woche gab es gleich zwei davon: Die Bewährungsstrafe am Donnerstag für einen Familienvater,der durch einen falsch aufgestellten Stromgenerator den Tod von sechs jungen Menschen zu verantworten hat. Und die milde Strafe für eine Fahranfängerin, die durch einen Fahrfehler einen tödlichen Unfall verursacht hat.

Wie soll man solche Tragödien in ein Strafmaß fassen? Der Vater ist ohnehin fürs Leben gestraft, weil auch zwei seiner Kinder starben. Seine Verteidiger verlangten daher Ungewöhnliches – einen Schuldspruch ohne Strafe. Das hätte aber das Rechtsempfinden sowohl der anderen betroffenen Eltern als auch der Bürger insgesamt tief verletzt. Denn es war zu berücksichtigen, dass er „grob fahrlässig“ gehandelt hatte. Man hätte ihn auch ins Gefängnis schicken können. Das Gericht trug mit der Bewährungsstrafe beiden Seiten Rechnung.

Bei der jungen Fahranfängerin hielt das Gericht sogar nur eine Lesestrafe für ausreichend. Für die 18-Jährige, die nur einen Augenblick versagte, gilt Jugendstrafrecht. Der Erziehungsgedanke steht im Vordergrund. Außerdem war der Grad ihrer Schuld gering. Sie trägt selbst schwer an ihrem Fehler. All das zeigt: Es gibt tragische Unfälle, bei deren juristischer Aufarbeitung eine harte Strafe dem Geschehen nicht gerecht wird. Da ist auch der Bürger gefordert, auf reflexartige Tiraden zu verzichten.

von Nina Gut

Quelle: Merkur.de