Es ist notwendig, den Diskurs zu führen

Konflikt ist der Normalfall - Gastkolumne von Regionalbischöfin Susanne Breit-Kessler*

Susanne Breit-Kessler, evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern.

„Der ist für mich gestorben“ sagt man, wenn man mit einem anderen absolut nichts mehr zu tun haben will. Oder ironisch wie der große Karl Valentin: „Des ignoriern ma net amoi!"

Es mag sein, dass solche Abwehrreaktionen gelegentlich unumgänglich sind. Dann, wenn man sich nicht mehr anders vor unsinnigen Konflikten zu schützen weiß oder vor Agitatoren, denen es nicht um echte Auseinandersetzung, sondern um pure Attacke geht.

Was in Ausnahmesituationen möglich ist, funktioniert in der Demokratie nicht. Hilde Domin, die große Literatin, wurde an diesem Samstag vor 110 Jahren geboren. 1986 hat man ihr in einem Interview die Frage gestellt, wie viel Mut ein Schriftsteller für das Schreiben eigentlich benötige. Ihre Antwort lässt sich ausgezeichnet übertragen auf Bürger und Bürgerinnen unseres Landes.

"Ein Schriftsteller", sagte Hilde Domin, "braucht drei Arten von Mut: den, er selber zu sein, den Mut, nichts umzulügen, die Dinge beim Namen zu nennen. Und drittens den, an die Anrufbarkeit der Anderen zu glauben." Was für ein Wort - Anrufbarkeit. Gemeint ist die Hoffnung darauf, den anderen erreichen zu können. Unsere Gesellschaft ist da weniger weit. Man bestätigt sich eher gegenseitig begeistert in der eigenen Überzeugung.

Vollkommene Abgrenzung ist feige und mutlos

Auch darin, dass man mit Menschen anderer Anschauungen absolut nichts zu tun haben will. Das Wort „Blase“ ist dafür viel zu harmlos. Denn in die kann man hinein pieksen und fertig. Vollkommene Abgrenzung ist feige und mutlos. Sie ist für eine Demokratie brandgefährlich. Für eine menschenwürdige Gesellschaft ist es notwendig, den Diskurs zu suchen und zu führen.

Demokratie bleibt dann lebendig, wenn in ihr der Konflikt als Normalfall anerkannt wird. Diese Einsicht hilft, Menschen zu Wort kommen zu lassen. Auch die, die man so gar nicht leiden kann. Denn Demokratie braucht Beteiligung aller. Es ist doch schon längst klar: Das Erstarken der Populisten ist Hinweis darauf, dass sich eine Vielzahl von Leuten nicht mehr vertreten fühlt.

Die Auseinandersetzung muss mit Selbstbewusstsein, Wahrheitsliebe und dem Glauben an „Anrufbarkeit“ gesucht werden - wobei es Grenzen gibt. Gewalt, Extremismus und Antisemitismus sind keine diskutablen Positionen. Hilde Domin beschwor bis ins hohe Alter die Bereitschaft, auch nach Rückschlägen wieder neu anzufangen und den Mitmenschen anzusprechen, damit Humanität bleibt: „Abel steh auf / damit es anders anfängt. / zwischen uns allen ...“. Worte zum Aufhorchen. Heute erst recht.

*Susanne Breit-Kessler ist noch bis 1. Dezember evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern. Künftig schreibt sie alle zwei Wochen eine Kolumne im Bayernteil.

Sie erreichen die Autorin per mail unter: bayern@merkur.de

Quelle: Merkur.de