Angebote im Internet, um die Seele fliegen zu lassen

Künstlerische Coronanächte - Kolumne von Susanne Breit-Keßler*

Susanne Breit-Keßler war evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern.
+
Susanne Breit-Keßler war evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern.

„Nachts gehe ich ins Museum“, sagt meine Freundin. Corona verändert Menschen. Manchmal werden sie seltsam. Muss ich mir Sorgen machen? Sie lächelt selig: „Ich streife durch Schlösser und besuche Ausstellungen. Neulich war ich in der Met.“

Höchste Zeit, ihrer Verwirrung auf die Spur zu kommen. Schnell stellt sich allerdings heraus, dass sie - mal wieder - ihre Nase vorn hat. Meine Freundin nutzt weltweite künstlerische Angebote im Internet, um Coronanächte sinnvoll zu gestalten und ihre Seele fliegen zu lassen.

Schloss Versailles, Eremitage in St. Petersburg, Tate Modern in London, das Amsterdamer Anne Frank-Haus, die Met in New York und das Deutsche Museum - alle haben sie im Netz offen. Man kann virtuell hineinhuschen und sich in Ruhe umsehen. Dann geht es gratis in die Staatsoper oder zu einem der vielen für Geld buchbaren Kleinkunstereignisse im eigenen Computer. Die Kunstschaffenden brauchen dieses Geld, um zu überleben. Wer kann, sollte sich also im kleinen, feinen Mäzenatentum üben. Das ist das Eine.

Ohne Kunst ist alles nix

Das Andere: Ohne Kunst ist alles nix. Die, die momentan um ihre Existenz ringen, sind lebenswichtig. Sie sind in der Lage aufzustören oder zu vergewissern, einem etwas klar zu machen, es in der Schwebe zu lassen, zu verunsichern und zu befreien. Kunst kann wahrhaftige Empfindungen und Erfahrungen in der Begegnung mit einem Bild, im Hören eines Gedichtes oder Musikstückes hervorrufen. Sie erinnert: Die vorfindliche Wirklichkeit, auch die von Corona, ist kein unüberwindliches geschlossenes System.

„Imagine the opposite“ stand vor Jahren in Leuchtschrift über dem Lenbach-Haus in München. Ja, bitte: Künstler, Künstlerinnen sollen zur Vorstellung des Gegenteils ermuntern, gerade jetzt, wo das Gelingen des Lebens gefährdet ist. Sie können das Vorfindliche transzendieren – hin auf eine bessere Welt, die wir derzeit besonders intensiv ersehnen. Wer durch Museen stromert, Ballett bewundert, Songs, Arien, Kabarett und Literatur genießt, der überwindet Grenzen, gewinnt endlich wieder Perspektive.

In Kunstwerken kann man sich und andere entdecken, vielleicht wiederfinden. Oder womöglich durch die erlebte Kunst selber neu werden. Meine Nächte sind inzwischen kürzer. Manchmal sehe ich deswegen eher etwas alt aus. Egal. Vor genau 80 Jahren wurde am Broadway „Lady in the dark“ von Moss Hart, Kurt Weill und Ira Gershwin uraufgeführt. Liza, die Hauptperson, gewinnt in musikalischen Traumsequenzen ihr Seelenheil zurück. Nächtliche Exkursionen fördern doch ziemlich oft Lebendigkeit zu Tage.

*Die frühere evangelische Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler ist Vorsitzende des Ethik-Rates.