Deutlich sagen, was man denkt

Die Kunst des Brückenbauens - Gastkolumne von Regionalbischöfin Susanne Breit-Kessler*

Susanne Breit-Kessler, evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern.

Die eigene freie Meinungsäußerung ist ein hohes Gut. Ich selbst bin eine entschiedene Befürworterin davon, klar und deutlich zu sagen, was man denkt.

Kurz nach dem Referendum zum Brexit war es mir eine Ehre, im Oxforder King‘s College den Even Song zu gestalten. Eine Abendandacht mit einem der besten Chöre der Welt. In meiner kurzen Ansprache hob ich mit vielen Argumenten hervor, dass der potentielle Brexit eine wenig erfreuliche Angelegenheit sei und wir alles tun müssten, um die englisch-deutsche Freundschaft zu erhalten. Letzteres war klar, über Ersteres staunte man: Eine politische Aussage in der Kirche!

Die anglikanischen Bischöfe hatten sich bis dato zurückgehalten mit Äußerungen zum Brexit. In dieser Woche besuchte ich mit einer Delegation erneut das Vereinigte Königreich, das von parlamentarischen Tumulten geschüttelt ist. Deal, no Deal? Leavers und Remainers, „Scheidungswillige“ und Europafreunde stehen sich allenthalben nahezu unversöhnlich gegenüber. Manche Familien haben schon das gemeinsame Weihnachtsessen abgesagt, um nicht weiter aneinander zu geraten. In den Gesprächen wurde deutlich, dass anglikanische Bischöfe und Bischöfinnen selbstverständlich eine dezidierte eigene Meinung haben.

Sie baten sogar ausdrücklich um die unsere. Aber sie gehen mit der ihren nicht in die Öffentlichkeit. Warum? Weil sie in einer völlig polarisierten Gesellschaft, in der der Riss durch alle Kreise, Schichten und Beziehungen geht, den Keil nicht weiter hineintreiben wollen. Die Geistlichkeit, möglicherweise selbst ein wenig different in der Beurteilung des Brexit, versteht sich nicht als die Institution, die absolut sicher weiß, wo es lang zu gehen hat. Aufmerksam habe ich zugehört und verstanden, dass Bischöfe und Bischöfinnen sich als Brückenbauende begreifen, als Pontifexe, die tiefe Gräben geistreich überwinden wollen.

In einem gemeinsamen Brief haben sie vor wenigen Tagen sehr deutlich gemacht, dass es mehr gegenseitigen Respekt braucht in der Debatte und sich der Tonfall dringend ändern muss. Wenn man will, ein Weckruf, der das Kostbarste erinnert, das die Demokratie offeriert: Eigene, freie Meinungsbildung und die diskursive Achtung vor einem Gegenüber, das anders denkt, redet und lebt. Nach wie vor freue ich mich daran, ziemlich entschlossen sagen zu dürfen, was ich denke. Zugleich bin ich dankbar für Menschen, die nicht auf jeden fahrenden Zug aufspringen, um von irgendwoher Applaus zu bekommen. Brücken bauen ist die Aufgabe heute. Lessons learned.

*Susanne Breit-Kessler ist noch bis 1. Dezember evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern. Sie schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne im Bayernteil.

Sie erreichen die Autorin per mail unter: bayern@merkur.de

Quelle: Merkur.de