Bedenken zum Verzicht auf Kultusministerium

Lehrerverband-Chef nennt CSU-Rückzug „folgenschwere Fehlentscheidung“

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Heinz-Peter Meidinger, 64, führt den Deutschen Lehrerverband seit 2017.

Mit Unverständnis quittiert der Präsident des Deutschen Lehrerverbands und Deggendorfer Gymnasial-Direktor Heinz-Peter Meidinger, die Entscheidung der CSU, die Leitung des Kultusministeriums an die Freien Wähler abzugeben.

Seine Bedenken formulierte Heinz-Peter Meidinger im Interview mit dem Münchner Merkur.

Wie bewerten Sie den Verzicht der CSU aufs Kultusministerium?

Mir kann niemand erzählen, dass die Koalition mit den FW gescheitert wäre, wenn die CSU auf dem Kultusministerium bestanden hätte. Dieser Verzicht nach 60 Jahren Verantwortung für den Schulbereich wird sich für die CSU noch als folgenreiche Fehlentscheidung herausstellen, fürchte ich. Erfolgreiche Finanz-, Sicherheits- und eben Bildungspolitik – das war der Markenkern und lange Zeit auch das Erfolgsgeheimnis der CSU.

Für was steht denn die CSU, die Union insgesamt, in der Bildungspolitik?

CDU/CSU waren in der Schulpolitik solange erfolgreich, solange sie für ein differenziertes mehrgliedriges Schulwesen standen, in dem sozialer Aufstieg durch Leistung möglich war. Im Gegensatz zur CDU hat die CSU auch bis heute an der Hauptschule, also der Mittelschule, festgehalten und ist nicht dem Akademisierungswahn erlegen, im Abitur den allein seligmachenden Abschluss zu sehen. Dass Wissensvermittlung nicht von Charakterbildung und Persönlichkeitserziehung zu trennen ist, gehört sicher auch zu den Grundüberzeugungen christdemokratischer und christsozialer Bildungspolitik.

Dass Berlin zuständig sein soll, „halte ich für keine gute Idee“

Ist in der heutigen Zeit eine engstirnige, aufs eigene Bundesland beschränkte Schulpolitik überhaupt noch sinnvoll?

Dass die Bundesregierung in Berlin jetzt auch noch für die bayerische Schulpolitik zuständig sein soll, halte ich für keine gute Idee.

Versucht sie das denn?

Im Berliner Koalitionsvertrag werden durch eine Lockerung des Kooperationsverbotes die Möglichkeiten ausgeweitet, Länder auch im Schulbereich stärker finanziell zu unterstützen. Das ist in Ordnung, aber weitergehende inhaltliche Vorgaben lehne ich ab. Für Bayern würde das eine Nivellierung nach unten bedeuten. Beim geplanten Nationalen Bildungsrat wird gerade hart über die Besetzung verhandelt – die Länder wollen über die Personen stärker mitbestimmen, was ich für richtig halte. Allerdings brauchen wir mehr Vergleichbarkeit zwischen den Bundesländern. Außerhalb Bayerns ist das Abitur oft leichter zu haben. Deshalb plädiere ich für ein gemeinsames Kernabitur mit identischen Aufgaben, das in allen Bundesländern zum gleichen Zeitpunkt geschrieben wird.

„Wir stehen in Bayern vor einem neuen Schülerberg“

Blick in die Zukunft: Was ist in den kommenden Jahren in der Schule in Bayern besonders dringlich?

Wir stehen in Bayern wegen des Geburtenanstiegs und des starken Zuzugs vor einem neuen Schülerberg. Die große Herausforderung wird es sein, dafür genügend neue Schulen zu bauen, bisherige Schulen zu erweitern und ausreichend neue Lehrkräfte zu gewinnen. Dazu kommen weitere Riesenaufgaben: Neueinführung des G9, Oberstufenreform, Digitalisierung, Integration, Inklusion, Maßnahmen gegen die zunehmende Überlastung von Lehrkräften. Über einen Mangel an Hausaufgaben braucht sich der neue Minister nicht beklagen.

Was halten Sie denn dem designierten Minister
Michael Piazolo? Er wird doch wenig anders machen als ein CSU-Minister, oder?

Mit Herrn Piazolo haben die FW sicher ihren erfahrensten Bildungspolitiker für diese Amt benannt. Wir kennen ihn auch als unermüdlichen Kämpfer für die Rückkehr zum G9. Erfolgreiche Schulpolitik braucht Verlässlichkeit und Kontinuität, insofern hoffe ich, dass mit dem Wechsel im Kultusministerium keine neue Reformhektik ausbricht. Wichtig wäre, dass er Schulen und Lehrkräfte dagegen in Schutz nimmt, mit immer neuen Aufgaben und Belastungen permanent überfordert zu werden. Schule ist kein Reparaturbetrieb der Gesellschaft und kann nicht alles leisten.

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Quelle: Merkur.de