Tödliches Bergunglück

Nach 60-Meter-Sturz: Vermisster Wanderer tot an den Achselköpfen gefunden

Seit Samstagvormittag ist es traurige Gewissheit: Der vermisste kanadische Wanderer Jeff Freiheit ist tot. Ein Team aus Freiwilligen und seiner Familie fand den 32-Jährigen am Fuß der Achselköpfe.

Lenggries - Ein kurzes Video, aufgenommen am Vormittag des 2. August vor dem Brauneck-Panorama-Restaurant war das letzte Lebenszeichen von Jeff Freiheit. Danach verlor sich die Spur des 32-Jährigen, der auf dem „Traumpfad“-Fernwanderweg von München nach Venedig unterwegs war, irgendwo zwischen Tölzer und Tutzinger Hütte.Bergwacht und Polizei suchten tagelang nach dem 32-Jährigen aus Brandon/Manitoba. Später übernahmen Freiwillige. Sie waren es auch, die am Samstag den Toten fanden.

Strukturiert wurde die Freiwilligen-Suche von Susanne Williams. Die 48-jährige Wildnisführerin lebt seit sieben Jahren in der Jachenau. Nach einer Geschäftsreise in die USA hörte sie von einem Freund von der Vermisstensuche und beschloss, der Familie zu helfen – ehrenamtlich, wie so viele andere aus der Region. Für sie war das „eine Herzensangelegenheit“, betont sie. Am Samstag trafen sich neun Freiwillige – darunter die Mutter des Vermissten Kathy und sein bester Freund, ein kanadischer Polizist, nahe der Vorderen Scharnitzalm. Nach einer kurzen Einweisung begann gegen 11.20 Uhr die Kreissuche im dichten Latschenbewuchs auf der Südseite der Achselköpfe. „Kathy hat kurze Zeit später seinen Schuh gesehen und dann seinen Rucksack“, sagt Susanne Williams. Um 11.40 Uhr wählte die Gruppe den Notruf.

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Der Leichnam des 32-Jährigen lag laut Polizei verdeckt innerhalb eines dichten Latschenfelds. Die Bergung erfolgte mit Hilfe eines Polizeihubschraubers, zweier Bergführer der Alpinen Einsatzgruppe des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd und durch Mitglieder der Lenggrieser Bergwacht.

Hinweise auf ein Fremdverschulden gibt es derzeit keine

Nach derzeitigem Stand der Ermittlungen geht die Polizei davon aus, dass Freiheit auf dem Weg zur Tutzinger Hütte „vom geplante Weg abgekommen sein dürfte und in der Folge 60 bis 100 Meter tödlich abgestürzt ist“, so Jürgen Thalmeier, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd. Hinweise auf ein Fremdverschulden gebe es derzeit keine.

Aufgrund des Zustands der Leiche sei für die zweifelsfreie Identifizierung des Toten eine Untersuchung am Institut für Rechtsmedizin in München nötig, so Thalmeier. Im ebenfalls dort gefundenen Rucksack befand sich aber der kanadische Reisepass von Jeff Freiheit.

Seiner Mutter Kathy war es am Sonntag ein großes Anliegen, sich bei allen Helfern zu bedanken, die die Familie bei der Suche unterstützt haben. Sie sei erfüllt von „einer überwältigenden Dankbarkeit für alle, die Teil dieser traurigen Reise waren“, schreibt sie in der eigens gegründeten Facebook-Gruppe „Volunteers searching for Jeff Freiheit“, die mehr als 500 Mitglieder hat. Auch Susanne Williams betont, wie überwältigend das große ehrenamtliche Engagement der vielen Freiwilligen war. „Es war mir eine absolute Ehre, mit ihnen arbeiten zu können.“ Bedanken möchte sie sich auch bei den Almleuten der Vorderen Scharnitzalm und der Bichleralm. „Sie haben uns so unterstützt.“

So lief die Vermisstensuche ab

Susanne Williams ist es außerdem wichtig, dass keine Kritik an der Arbeit der Bergwacht aufkommt. Wer hier kritisiere, verstehe nicht, wie eine Vermisstensuche abläuft. Sie erklärt das Prozedere. Es gebe verschiedene Phasen. In den ersten 72 Stunden nach einer Vermisstenmeldung sei es denkbar, den Vermissten noch lebend zu finden. Die Bergwacht – auch hier sind ausschließlich ehrenamtliche Kräfte aktiv – sucht in dieser Phase mit möglichst vielen Helfern ein möglichst großes Gebiet ab. Genau das ist nach der Vermisstenmeldung am 10. August passiert. Tagelang wurde zwischen Brauneck und Benediktenwand, später zwischen Jachenau und Vorderriß gesucht. Bis zu 60 Aktive waren im Einsatz – zusammen mit Hunden, der Alpinen Einsatzgruppe der Polizei, Drohnen und einem Polizeihubschrauber.

„In der zweiten Phase zwischen 72 Stunden und zehn Tagen geht es darum, das allgemeine Suchgebiet zu verkleinern“, erklärt die 48-Jährige. Auch in dieser Phase suchte die Bergwacht noch einmal. Am 17. August konzentrierten sich die Bemühungen auf die Nordseite der Achselköpfe. Die Helfer seilten sich ab, um beispielsweise auch unter dem dichten Latschenbewuchs suchen zu können. Da es keine weiteren konkreten Hinweise auf den Verbleib des Kanadiers gab, wurde die offizielle Suche vorläufig eingestellt.

Die Bergretter unterstützten aber weiterhin die privaten Bemühungen der Familie und berieten das Freiwilligenteam. So entstand beispielsweise auch eine Karte mit „No-Go-Areas“, riskanten Bereichen, die keinesfalls auf eigene Faust abgesucht werden sollten, weil das Risiko eines Absturzes dort einfach zu hoch ist.

Auch das Team um Susanne Williams schränkte den Suchbereich Schritt für Schritt ein. Nach privat organisierten Hubschrauberflügen wurden beispielsweise Bereiche wie die Birkkarspitze, aber auch verschiedene Gräben ausgeschlossen.

In der dritten Phase begann die probabilistische Suche. „Von dem Ort, von wo es das letzte Lebenszeichen gab, gehst du den Weg ab, den der Vermisste genommen hat“ – und zwar „mit den Augen und den Füßen eines Flachländers“, verdeutlicht Williams. Für jede Stelle wird dann eine Einschätzung (hoch, mittel, gering) getroffen: War der Vermisste hier? Kann man hier abstürzen? Hätte ein Absturz schwere/tödliche Verletzungen zur Folge? Kann der Gesuchte hier leicht übersehen werden?

Die Südseite der Achselköpfe rückte so in den Fokus der Freiwilligensuche. Am Grat entdeckte Susanne Williams an einer Stelle zudem abgebrochene Äste. In der Falllinie wurde am Samstag der Tote gefunden.

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Because of many requests from Canada, we decided to publish the text also in Englisch. Many thanks to Rich Manfield, one of the volunteers, for the translation. we apologize for all mistakes.

Quelle: tz