Interview

Video zeigt, wie libysche Milizen „Alan Kurdi“ bedrohen: „Das war ein Machtspiel“

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Seenotreter Detlef Suhr von Sea-Eye.

Detlef Suhr ist gerade auf der „Alan Kurdi“, dem Schiff der Regensburger Rettungsorganisation Sea-Eye. Er hat das Rettungsschiff gesteuert, das am Samstag von libyschen Milizen bedroht wurde. Trotzdem gelang es ihm und seinem Team, 91 Menschen vor der Ertrinken zu retten. Der 63-Jährige erzählt, wie er den Einsatz erlebt hat.

Sie waren gerade dabei, die ersten Menschen von dem überfüllten Schlauchboot zu bergen, als die Schiffe der libyschen Milizen auf Sie zukamen. Was ging Ihnen durch den Kopf?

Mir war sofort klar, dass das keine Schiffe der offiziellen Küstenwache sind. Und ich wusste: Jetzt wird der Einsatz schwierig. Wir haben es geschafft, die Menschen auf dem Rettungsboot zur „Alan Kurdi“ zu bringen. Dann haben uns die Milizen davon abgehalten, weitere Menschen zu retten – und die Situation hat sich zugespitzt.

Wie?

Immer mehr Geflüchtete sind vom Schlauchboot aus Angst vor den Libyern ins Wasser gesprungen. Zum Glück hatten wir bereits alle mit Rettungswesten ausgestattet, denn die meisten von ihnen können ja nicht schwimmen. Trotzdem war die Situation schwer auszuhalten.

Haben Sie mit den Libyern kommuniziert?

Ja, auf Englisch und mit Zeichen haben wir uns verständigt. Ich habe gefragt, ob ich die Menschen die in der Nähe meines Schiffes schwimmen, an Bord nehmen darf. Das haben sie zugelassen. Aber sie hatten die Maschinengewehre auf uns gerichtet. Und sie haben mehrere Warnschüsse ins Wasser gefeuert, wo die Menschen waren. Die Flüchtlinge, die bereits bei uns an Bord waren, haben sich flach auf den Boden gelegt und geweint.

Letztendlich durften Sie doch alle Menschen aus dem Wasser retten und zur „Alan Kurdi“ bringen. Was wollten die Milizen?

Ich habe das Gefühl, das war ein reines Machtspiel. Es ging ihnen um Einschüchterung, deshalb haben sie uns mit den Maschinengewehren bedroht.

Wie groß war Ihre Angst während des Einsatzes?

Während dem Einsatz habe ich einfach funktioniert. Wir haben das viel trainiert. Aber so eine Situation habe ich mir natürlich nicht vorstellen können. Es hat sich angefühlt, als hätte alles fünf Stunden gedauert – dabei waren es nicht mal zwei. Wenn ich jetzt die Augen schließe, sehe ich immer noch schwimmende Menschen.

Wie geht es den Menschen an Bord gerade?

Sie sind unendlich dankbar und erleichtert. Doch wir warten seit vier Tagen auf die Erlaubnis, in einem Hafen anzulegen. Es geht nichts voran. Das ist zermürbend – für die Geflüchteten und für die Crew. 

Quelle: Merkur.de