Viele Umritte in den nächsten Tagen

Die Liebe der Bayern zum Heiligen Leonhard: Brauch wird in der Region begeistert gepflegt

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Letzte Vorbereitungen im Stall: Resi und Kaspar Hirtreiter aus Schliersee freuen sich schon auf Leonhardi.

Leonhardifahrten sind in Bayern Brauch, seit vielen hundert Jahren. Auch in Schliersee wird der Schutzpatron der Tiere verehrt. Die Familie Hirtreiter rückt jedes Jahr aus. Mit einem ganz besonderen Wagen und mit Menschen, dieihnen am Herzen liegen.

Schliersee – Stockfinster ist es, 5 Uhr in aller Früh, wenn Resi Hirtreiter, 55, die Holztreppe runtersteigt. Die Türe der alten Bauernstube knarzt, wenn sie den Eisengriff nach unten drückt. Sie hat kaum geschlafen, viel war vorzubereiten. So läuft das immer an Leonhardi. Dann ist Ausnahmesituation auf dem Bauernhof der Hirtreiters, die wunderbarste Ausnahmesituation des Jahres.

Gleich kommt ihre Schwester Uschi zum Anziehen und Frisieren. Wie jedes Jahr helfen sie sich gegenseitig in den Schalk. Teil um Teil, Schicht um Schicht. So machen sie es auch an diesem Sonntag, bevor sie zum Leonhardi-Umzug nach Fischhausen im Kreis Miesbach gehen.

Alles ist eingespielt: Resi Hirtreiters Schalk, das Mieder ihrer Tochter Maria, das Trachtengwand ihres Mannes und ihres Sohnes Martin hängen an der alten Holztür. Feinsäuberlich auf Kleiderbügeln. Aufgebügelt und gebürstet hat sie die Bäuerin schon am Tag zuvor. Die Trachtenhüte liegen auf dem Tisch. Der Miederschmuck, die Kropfkette und die Haarnadeln in einer großen Schmuckschatulle daneben. Die Stiefel der Männer sind geputzt und gewienert. Alles soll perfekt sein.

Hoch zu Ross: Als junges Mädel war Resi Hirtreiter oft mit ihren Eltern bei Leonhardifahrten dabei.

Seit mehr als 20 Jahren rückt die Familie an Leonhardi mit ihrem alten, grünen Truhenwagen und vier Pferden aus. Immer in Fischhausen und in Kreuth am Tegernsee. „Leachats“-Umzüge wie es in Bayern mancherorts heißt, haben eine lange Tradition. Vor Jahrhunderten schon zogen die Bauern mit ihrem Gespann umher, um den heiligen Leonhard, den Schutzpatron der Tiere, um seinen Beistand zu bitten.

Resi Hirtreiter und ihr Mann sind mit dem alten Brauch aufgewachsen. Mit acht Jahren war Resi Hirtreiter als kleines Mädel zum ersten Mal in Kreuth mit dabei, mit ihrem Vater Hartl, damals Schlierseer Trachtenvorstand, und ihrer Mutter Lisl. Wegen der Tradition, aber auch um den Namenstag des Vaters zu feiern. „Da kamen alle Hartl zam“, erinnert sie sich und lächelt. Mit 14 fuhr sie erstmals als Miederdirndl mit. Im eignen Wagen rückte sie aber erst aus, nachdem sie ihren Kaspar heiratete.

Der Truhenwagen ist von 1863

1985 war es, Kaspar Hirteiter, 63, weiß es noch wie heute, als der Roth Quirin, ein guter Spezl, ihm einen Tipp gab. „Schaust beim Simmerl vorbei.“ Dort stand ein original Tölzer Truhenwagen, anno 1863. Ausgegraben aus der Tenne eines alten Bauernhofs irgendwo bei Bad Tölz. Grün, mit alter Lüftlmalerei. Vorne die Mutter Gottes, hinten der heilige Leonhard.

Ins Foyer eines Hotels in Köln hätte der Wagen kommen sollen. Als Ausstellungsstück. „Des derf ned sein, das ist eine Rarität“, hatte der Roth Quirin damals gesagt. Das sah auch sein Freund Kaspar so. Schon lange suchte er einen Leonhardi-Wagen. Nirgends hat er einen passenden gefunden. Als er vor ihm stand, wusste er: „Der ist es.“

Alles muss glänzen: Drei Tage vor dem Umzug holt Kaspar Hirtreiter das Geschirr aus seiner Werkstatt.

Ihr gesamtes Erspartes kostete das jungen Ehepaar der Wagen. Erzählt haben sie niemandem von ihrem Kauf. Den Wagen stellten sie bei Freunden unter. Zu den Eltern sagten sie, er sei ausgeliehen. „Die hätten uns ja sonst für überg’schnappt gehalten.“

Kaspar Hirtreiter ist rossnarrisch

Manchmal bezeichnet sich Kaspar Hirtreiter selbst als „g’spinnert“. Rossnarisch ist er, seit er denken kann. Schon als Dreijähriger ließ er alles stehen, wenn ein Pferd am Haus seiner Eltern in Schliersee vorbeikam. Auf dem Volksfest wollte er nur Pony reiten. „Kettenkarussell interessierte mich nicht.“ Mit Ende 20 kaufte er sich Lady, sein erstes Pferd. Mit der Zeit kamen weitere dazu. Nicht allzu lange ist es her, dass der Bauer vier Stuten bei sich im Stall stehen hatte. Im Viergespann rückte er Jahr für Jahr mit ihnen an Leonhardi aus. Mit dem alten Truhenwagen. Und einem ganz besonderem Pferdegeschirr.

Ein so genanntes Dachsgeschirr oder auch Tiroler Geschirr. Früher war es im gesamten süddeutschen Raum verbreitet. Heute wird es praktisch nicht mehr hergestellt. Auch damals nicht, als sich Kaspar Hirtreiter auf die Suche machte. „Ja schee“ haben die Sattler im Oberland gesagt. „Des hat man heut’zutag aber nimmer.“

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In Klausen in Südtirol fand er schließlich jemanden, der das Leder aufbereitete. Die Beschläge, Verzierungen und Initialen schnitt Kaspar Hirtreiter selbst aus. Nach den Schablonen, die ihm der Roth Quririn, ein Bildhauer und Künstler, gezeichnet und modelliert hatte. Stunden und Tage saß er an seinem Schraubstock und sägte und sägte. Zwei Jahre dauerte es, bis das Geschirr fertig war. Mehr als einmal mussten die Hirtreiters es über die Grenze schmuggeln, um Zoll zu sparen. Manchmal lag es unter Musikinstrumenten.

Zu dem Dachsgeschirr gehört auch ein speziell gewebtes, rotes Tuch, das die Rösser rechts im Gespann tragen. Es ist über ein Dachsfell drapiert. Wofür es gut ist, ist nicht ganz klar. Manche sagen, der Dachs schützt vor bösen Geistern. Kaspar Hirtreiter musste lange suchen, bevor ihm ein Jäger zwei brauchbare Felle brachte. Eine Weberin webte ihm das Tuch.

Seitdem hat es jedes Jahr seinen großen Auftritt. Drei Tage vor dem Umzug holt Kaspar Hirtreiter das Geschirr aus der Werkstatt. Die Verzierungen aus Messing poliert er stundenlang mit Stahlwolle auf. Sohn Martin und einige Spezl helfen ihm, gut einen Tag sind sie beschäftigt. Einen weiteren Tag damit, die Pferde zu waschen.

Nicht nur der Truhenwagen und das Geschirr der Hirtreiters sind besonders. Auch die Schalkfrauen und Miederdirndl, die mit ihnen an Leonhardi ausrücken. Zehn Frauen haben im Wagen Platz. Im Vergleich zu vielen Vereinen, die mit viel mehr Schalkweibern unterwegs sind, mag das unbedeutend erscheinen. Ist es aber nicht.

Im Wagen der Hirtreiters sitzen keine Vereinsmitglieder, sondern Familie und Freundinnen. Die beiden Töchter Marlene und Maria, die Schwiegertochter, die Schwester, Nichten, Enkelkinder. „Das ist scho was ganz Scheenes“, sagt Resi Hirtreiter. In diesem Jahr hat sie ein Mieder mehr ihn ihrer Stube hängen. Die Tochter von Schlierseer Freunden, die nach Chile ausgewandert sind, ist auf Besuch. Auch sie möchte an diesem Sonntag in Fischhausen „Leachats“-Fahren. Natürlich möchte sie das.

Quelle: tz