Mädchen wollen auf Knaben-Schule

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Vorläufig abgeblitzt: Diese Mädchen aus dem Raum Murnau wollen auf die Knaben-Realschule.

Murnau - In Murnau wollen Eltern ihre Töchter an der staatlichen Knaben-Realschule anmelden. Doch die Schulleitung wehrt sich: Mindestens acht Mädchen haben Absagen erhalten. Jetzt machen die Eltern Druck:

Ute Holzapfel ist sauer. „Es kann nicht sein, dass mein Sohn fünf Minuten zur Schule hat, während meine Tochter eineinhalb Stunden früher aus dem Haus muss und einen ellenlangen Schulweg auf sich nehmen soll. Wo bleibt hier die in der Bayerischen Verfassung verankerte Gleichheit der Geschlechter?“ Holzapfel und andere Eltern sehen es nicht ein, für die Mädchen an kirchlichen Einrichtungen Schulgeld bezahlen zu müssen, für die Söhne an den staatlichen aber nicht. Dazu kommt, dass sie die hier praktizierte Geschlechtertrennung für nicht mehr zeitgemäß halten.

Deshalb hat Ute Holzapfel zusammen mit anderen Vätern und Müttern die Aktion „Murnauer Knaben-Realschule auch für Mädchen“ gestartet – mit an Schulen verteilten Info-Blättern inklusive Anmeldeformularen, mit Unterschriften-Sammlungen – und der Idee, eine Landtagspetition in die Wege zu leiten. Bei dem Vorhaben, rechtliche Wege zu beschreiten, haben sie am Montag allerdings einen Dämpfer von einem Fachanwalt erhalten. Er schätzt ihre Aussichten auf Erfolg vor Gericht als gering ein.

Grundsätzlich ist die Resonanz auf die Aktion aber positiv. „Immer wieder werde ich angesprochen und bestärkt“, sagt Ute Holzapfel. „Nicht nur von Eltern, auch von Lehrern.“ Von bis zu zwölf Mädchen weiß sie, deren Eltern mittlerweile Voranfragen an die Knaben-Realschule gestellt haben. Allesamt haben von der Schulleitung schon vor der offiziellen Schuleinschreibung eine vorläufige Absage erhalten. Die Schule spricht von bis jetzt acht Anfragen. Bereits fünf der Eltern haben gegen die Absage Protest beim bayerischen Kultusministerium eingelegt. Der Sprecher des Kultusministeriums, Ludwig Unger, bestätigte dies.

Die Schulsituation im Landkreis Garmisch-Partenkirchen ist verzwickt. Vor Jahren war es einer anderen Eltern-Initiative gelungen, dass in Murnau zusätzlich zum Gymnasium und zur jetzigen Mittelschule überhaupt diese Realschule gebaut werden soll. Einzige Einschränkung: Die staatliche Schule, die im Herbst 2011 mit zwei fünften Klassen den Betrieb aufnahm und 2014 in einen Neubau zieht, ist nur für Buben vorgesehen.

Das Kultusministerium begründet das damit, dass die benachbarte kirchliche Mädchen-Realschule St. Immaculata in Schlehdorf (Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen) gesichert werden soll. „Schlehdorf ist eine sehr kleine Schule mit unter 400 Kindern, sie wäre im Bestand gefährdet“, sagt Ministeriumssprecher Unger. Fakt ist aber, dass beispielsweise St. Immaculata schon Mädchen abweisen musste, weil nicht genügend Platz vorhanden war.

Die nächste staatliche Realschule, die Buben und Mädchen aufnimmt, ist die Zugspitz-Realschule in Garmisch-Partenkirchen. „Wenn meine Tochter nach Garmisch-Partenkirchen oder Schlehdorf gehen muss, hat sie per Bus einen Schulweg von geschätzt einer Stunde“, moniert Michaela Feldmann, eine Mitstreiterin von Ute Holzapfel aus Bad Kohlgrub. „Das stellt das ganze Familienleben auf den Kopf.“

Schulpolitiker der SPD, aber auch der FDP, hatten sich gegenüber unserer Zeitung schon vor einem Jahr verwundert über die Neugründung einer staatlichen Knaben-Realschule gezeigt. „Das halte ich für inakzeptabel“, sagte der SPD-Abgeordnete Hans-Ulrich Pfaffmann damals.

Das Kultusministerium wiederum erklärt, getrennt-geschlechtliche Schulen seien keine Seltenheit. Bayernweit gibt es etwa 50 Mädchen-Realschulen und zehn Buben-Realschulen, die meisten allerdings in kirchlicher Trägerschaft. Vereinzelt gibt es jedoch solche Einrichtungen auch in staatlicher Hoheit, für Mädchen zum Beispiel in Schondorf am Ammersee und Straubing, für Buben in Weiden. In Neumarkt/Oberpfalz gibt es sogar beides. In der Regel handele es sich um „Ergänzungsschulen“, die der Staat einst gegründet habe, um eben kirchliche Schulen zu „ergänzen“, sagt Unger.

Viele Kommunalpolitiker vor Ort hielten sich bislang bedeckt, weil sie froh waren, dass sie überhaupt eine solche Bildungsstätte genehmigt bekommen hatten.

Jetzt finden Ute Holzapfel und ihre Mitstreiter aber auch hier Unterstützung. SPD-Gemeinderat Michael Manlik legt zusammen mit seinen Kollegen von ÖDP/Bürgerforum und Freien Wählern nun erneut einen Antrag im Marktgemeinderat vor, der eine Zulassung von Mädchen an die Knaben-Realschule fordert. Widerstand also – auf breiter Front.

Michaela Sperer und Dirk Walter

Quelle: tz