Reichtum und Vielfalt der jüdischen Kultur ehren

Massel mit der Schakshuka - Kolumne von Susanne Breit-Keßler*

Susanne Breit-Keßler war evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern
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Susanne Breit-Keßler war evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern

Im Jahr 321 hat Kaiser Konstantin verfügt, dass in Köln erstmals Juden Zugang zum Stadtrat erhielten. Gewissermaßen ein Urdatum jüdischen Lebens in Deutschland, denn es gab sie hierzulande schon viel länger.

Aber ein guter Anlass, 2021 von Nord - und Ostsee bis zur Bergwelt Bayerns Festlichkeiten zu gestalten, die Reichtum und Vielfalt der jüdischen Kultur ehren.

Gespräche über Juden und Judentum in Deutschland sind oft auf die barbarischen Jahre von 1933 bis 1945 beschränkt, in denen der braune Terror sein zerstörerisches Haupt erhob. Ganz klar: Wir müssen über die Shoa weiter sprechen im Sinne von „Nie wieder!“ Wir müssen alle rechtstaatlichen Mittel einsetzen, um den nach wie vor lebendigen Antisemitismus zu bekämpfen.

Wichtig ist auch, die gesamte Geschichte der Juden in Deutschland bekannt zu machen

Genauso wichtig ist, die gesamte Geschichte der Juden in Deutschland bekannt zu machen und zu zelebrieren. Es gibt Großartiges, mit dem unsereins alltäglich leben will und vor allem darf – in inniger Symbiose der Kulturen. Deutsche Literatur etwa ist auch jüdische. Auf meinem Nachttisch liegen Gedichtbände von Rose Ausländer und Paul Celan. Überhaupt Literatur:

Heinrich Heine, Rahel Varnhagen, Franz Kafka und Max Brod, Joseph Roth und Stefan Zweig, Else Lasker-Schüler und Kurt Tucholsky, Nelly Sachs, David Grossman und der wunderbare Amos Oz ... Unverzichtbar. So wie die heitere Verbindung von Festen wie Weihnachten und Chanukka zu einem liebevollen Weihnukka – theologisch nicht korrekt, aber menschlich.

Jüdische Küche ist so köstlich, dass ich ohne sie nicht sein mag. Gefilte Fisch, kalte Fischfarce in Klößchen- oder einer anderen Form, Shakshuka, versunkene Eier in Tomatensauce, Lokschen, feine Kartoffelpfannkuchen, Schowarma, Zigarim, Falafel, Schnitzel, Strudel ... Die Restaurants sind geschlossen, aber ich habe meine geliebten jüdischen Kochbücher.

Max Mannheimer, der leider verstorbene Zeitzeuge, hat mir jüdische Witze erzählt, die mich erbleichen ließen und die ich niemals weitergeben kann. Das geht einfach nicht, dachte ich immer. Galant nahm er jedes Mal meinen Arm, drückte ihn zart und sagte: „Lachen Sie doch. Ich bin ja dabei!“ Und fügte oft liebevoll-leise hinzu: „SIE waren es doch nicht!“ Was für menschliche Größe.

Natürlich gehen Juden und Jüdinnen weder in ihrer Geschichte auf noch in ihren kulinarischen, literarischen, musikalischen und anderen überragenden Leistungen. Und vermutlich habe ich, meschugge, wie man manchmal ist, im Text das eine oder andere vermasselt. Dann bitte Tacheles mit mir reden, liebe jüdischen Freunde und Freundinnen. Wir wollen a Mentsch sein ...

*Die frühere evangelische Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler ist Vorsitzende des Ethik-Rates.