„Falsche Polizisten“ erbeuten Millionensumme

„Über so einer Nummer steht schon Opfer drüber“: Die große Abzocke der Telefon-Mafia - und wie man sich wehrt

„Falsche Polizisten“ setzen ihre älteren Opfer oft telefonisch unter Druck (Symbolbild).
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"Falsche Polizisten" setzen ihre älteren Opfer oft telefonisch unter Druck (Symbolbild).

Sie haben alle Tricks auf Lager: Telefonbetrüger machen mit ihren Maschen Millionen. Im Trend liegt der „falsche Polizist“. Wir sagen Ihnen, wie Sie den Betrügern auf die Schliche kommen.

  • Telefonbetrüger erbeuten Millionen mit verschiedenen Maschen.
  • Sie sind auf Senioren spezialisiert. Im Trend liegt der „falsche Polizist“.
  • So erkennen Sie die Diebe - und so sollten Sie reagieren.

München – Arkadiusz Lakatosz, Spitzname „Hoss“, gilt als Erfinder des Enkeltricks. Das Oberhaupt eines polnischen Roma-Clans wurde damit reich, alten Menschen in Deutschland am Telefon vorgegaukelt zu haben, ein naher Verwandter zu sein, der dringend Geld braucht. So brachte er sie um ihr Erspartes. Vor gut 20 Jahren hat alles begonnen. Lakatosz ist der Pate der Enkeltrick-Mafia.

Doch er und sein Clan sind nicht die Einzigen, die mit der miesen Telefonmasche reich geworden sind. „Vor vier Jahren ist ein neues Phänomen aufgetreten, nämlich der falsche Polizist“, sagt Kriminalhauptkommissar Thomas Kaiser von der Kripo Fürstenfeldbruck, der auf Telefonbetrug spezialisiert ist. Kriminelle geben sich am Telefon als Polizisten aus und erbeuten so Millionensummen. Es ist ein Verbrechen, das gerade einen schrecklichen Boom erlebt. Gerade im wohlhabenden Oberbayern.

Falsche Polizisten: Telefon-Abzocke - Die Fallzahlen in Oberbayern

Das Polizeipräsidium Oberbayern Nord ist für die zehn Landkreise Pfaffenhofen an der Ilm, Neuburg-Schrobenhausen, Eichstätt, Ebersberg, Erding, Freising, Dachau, Fürstenfeldbruck, Landsberg, Starnberg einschließlich der Stadt Ingolstadt zuständig. Die Schadenssumme nur in dieser Region beträgt beim „falschen Polizisten“ in diesem Jahr über zwei Millionen Euro. Die Dunkelziffer liegt nach Schätzungen der Polizei zehnmal höher. Damit hat der „falsche Polizist“ dem Enkeltrick längst den Rang abgelaufen. „Es gibt für unseren Berufsstand nichts Schlimmeres als diese falschen Polizeibeamten“, sagt Johann Heinzelmann, der Leiter des zuständigen Kommissariats bei der Kripo Fürstenfeldbruck. „Die Täter denunzieren unseren Beruf – und schaden damit dem Vertrauen in die Polizei.“

Telefon-Abzocke: So funktioniert der Betrug - Der Anruf

Zielgruppe sind Senioren ab 70. Die Anrufe erfolgen fast immer übers Festnetz. Die Täter sitzen im nicht-europäischen Ausland, oft in der Türkei, und suchen sich gezielt eine Gemeinde aus. „Und dann gehen sie im Internet ins öffentlich Telefonbuch von Herrsching oder Mammendorf und suchen nach älteren Namen wie Hedwig oder Gundolf und dazu eine vierstellige Telefonnummer“, sagt Kommissar Kaiser. „Das ist der Beweis, dass es die Nummer schon seit 40, 50 Jahren gibt. Über so einer Nummer steht schon Opfer drüber.“

Diese Nummern werden in großer Menge abtelefoniert. Manchmal erscheint auf dem Display der Opfer sogar die 110 samt Ortsvorwahl. Call-ID-Spoofing nennt sich diese Methode, mit der Notruf-Nummern vorgetäuscht werden können. „Aber die Polizei ruft nie mit 110 an“, sagt Johann Heinzelmann, Dienstgrad Erster Kriminalhauptkommissar. „Nie.“

Trotzdem erschrecken die Opfer, wenn sie die angebliche Polizei-Nummer sehen. Oft kommen die Anrufe spätabends, um einen Notfall vorzutäuschen. Viele trauen sich dann nicht, ihre Kinder anzurufen oder Nachbarn um Rat zu fragen und sind auf sich alleine gestellt. „Die Opfer laufen wie Marionetten in den Spuren“, sagt Heinzelmann. „Weil sie glauben, dass tatsächlich die Polizei anruft.“

Telefon-Abzocke: Das ist die Masche

Die Opfer werden mit psychologischem Druck gezwungen, mit der „Polizei“ zusammenzuarbeiten. Oft stimmen erschreckend viele Details, die Betrüger kennen manchmal sogar die Namen der echten Polizisten in der Region. Aber es ist immer eine Lügengeschichte, die aufgetischt wird. Ein Klassiker ist, dass am Telefon vorgegaukelt wird, dass in der Nachbarschaft ein Überfall stattgefunden hat und gleich der nächste Raub bevorsteht. Zur Sicherheit werden die Opfer gedrängt, Bargeld und Wertsachen sofort einem Polizisten zu übergeben. Ein Abholer, der den falschen Polizisten spielt, sitzt meist schon in einem Hotel in der Nähe bereit. Sobald ein Köder anbeißt, wird er hingeschickt, um die Wertsachen zu holen.

Bei einer perfiden Masche wird den Opfern vorgegaukelt, dass sie bei einer „Geheimaktion“ des Bundeskriminalamts mithelfen müssen. Die Täter geben sich oft sogar als BKA-Präsident Holger Münch aus, der persönlich bei den Senioren anruft. Weil angeblich betrügerische Goldverkäufer im großen Stil Goldbarren verkaufen, die golden lackiert, aber ansonsten wertlos sind. Um den „Betrug“ aufzudecken, werden die Opfer dazu ermutigt, von ihrem Privatvermögen Gold bei der verdächtigen Goldfirma zu kaufen, damit die Polizei dem Goldhändler nachweisen kann, dass er betrügt. „Dann kommt irgendwann ein Abholer“, sagt Heinzelmann. „Und nimmt das echte Gold mit, um es angeblich zu überprüfen.“ Aber natürlich ist das Gold weg. Für immer.

„Die Täter sind clever, super organisiert und absolut skrupellos“, sagt Polizist Kaiser, der tiefe Einblicke in die Telefonmafia-Szene hat. Es gibt einen Fall aus der Region, bei der die Kriminellen eine Frau dazu bringen wollten, für 260 000 Euro Gold zu kaufen. Die echte Polizei war bereits bei der Frau daheim, doch sie hatte noch immer den falschen Polizisten am Telefon. Der sagte zu ihr: „Sie müssen die örtliche Polizei jetzt abwimmeln und wenn das nicht gelingt, dann holen Sie sich ein Messer und rammen es denen rein.“ Es ist zum Glück nichts passiert. Kaiser und seine Kollegen konnten die Frau schließlich überzeugen, dass Verbrecher sie manipulieren.

Telefon-Abzocke: Heimtückische Tricks

Die Täter am Telefon haben ein ganzes Arsenal an Methoden, um an das Geld der Menschen zu kommen. „Jeder hat eine Schwachstelle“, sagt Kaiser. „Wir haben Opfer, die über Monate geführt wurden. Bis das ganze Vermögen weg ist.“ Ein Fall ereignete sich in der Nähe von München: Eine Frau wurde dazu gebracht, ihre Villa für eine Millionensumme zu verkaufen. Dafür hat sie Diamanten gekauft, die die Täter dann abgeholt haben.

Manchmal werden die Opfer auch zum Stillschweigen verpflichtet. „Ich habe schon viele ältere Herrschaften gehabt, die am Telefon einen Eid geleistet haben, dass sie nichts sagen“, erzählt Kaiser. „Weil sie in eine Geheimaktion eingebunden wurden.“ Sogar als das Vermögen futsch war, haben sich manche noch an den Schwur gebunden gefühlt. „Die Opfer wissen nicht mehr, was richtig und was falsch ist“, sagt der Kriminalbeamte. Sie werden beraubt – und sind emotional am Ende. „Die haben oft Angst, vor den Angehörigen einzugestehen, dass sie einen Fehler gemacht haben“, sagt Kaiser. Weil sie fürchten, dass die Kinder sagen: „So Vater, jetzt reicht es, jetzt kommst du ins Heim, jetzt nehmen wir dir die Vollmacht für dein Konto.“ Deswegen schweigen viele.

Telefon-Abzocke: Weitere Maschen

Die Täter benutzen auch gerne die Geschichte, dass gegen eine betrügerische Bankmitarbeiterin ermittelt wird, die Falschgeld auszahlt. Die Masche funktioniert ähnlich wie der Goldtrick. Die Senioren werden angewiesen, Geld bei ihrer Hausbank abzuheben, damit man überprüfen kann, ob die Mitarbeiterin wieder Falschgeld auszahlt.

Manchmal arbeiten die Betrüger auch mit der Gier der Menschen. „Gratuliere, Sie haben 49 000 Euro bei einem Gewinnspiel gewonnen. Das Geld wird morgen ausgeliefert“, heißt es am Telefon. „Sie müssen aber eine Gebühr bezahlen, damit der Sicherheitsdienst kommt. Und jetzt gehen Sie bitte sofort in den Supermarkt und kaufen Sie Amazon-Gutscheine.“ Später rufen die Täter wieder an und lassen sich die Gutscheinnummern durchgeben. Auch so kann man Menschen ruinieren, oft folgen weitere Anrufe mit noch größeren Gewinnversprechen und noch höheren „Zustellgebühren“.

Telefon-Abzocke: Das richtige Verhalten

Wenn jemand am Telefon nach Wertgegenständen in der Wohnung fragt, wenn jemand Sie in geheime Ermittlungen einbinden will oder nach Wertgegenständen fragt, dann gibt es nur eine richtige Reaktion – „legen Sie sofort auf“, sagt Kriminalhauptkommissar Heinzelmann. „Es darf kein Gespräch zustande kommen.“ Die richtige Polizei macht so was nicht. „Wenn ich einfach auflege, ist der Druck weg“, sagt Kaiser. „Mit jedem weiteren Satz gebe ich dem Anrufer Daten, die er für sich nutzt.“

Es gibt auch Senioren, die bemerken sofort, dass etwas faul ist – und versuchen, die Täter ihrerseits aufs Glatteis zu führen. Manche Senioren erzählen den Betrügern am Telefon, dass sie gleich zur Bank gehen und ihr Bargeld holen. Dann rufen sie bei der örtlichen Polizei an und sagen: „Ich habe die falschen Polizeibeamten an der Angel, nehmen Sie sie fest.“ Heinzelmann warnt dringend davor: „Gehen Sie kein Risiko ein“, sagt er den Senioren. „Hören Sie damit auf. Wer sagt denn, dass sie nicht heute Nacht Opfer eines Raubüberfalls werden. Die Täter sind hochkriminelle Menschen.“

Telefon-Abzocke: Tipps für Angehörige

Wer seltsame Anrufe mit Gewinnversprechen oder von der Nummer 110 bekommt, sollte unbedingt seine Telefonnummer wechseln. „Sie müssen die Nummer schweren Herzens abgeben“, sagt Kaiser. „Die Betrüger rufen nicht bei siebenstelligen Nummern an.“ Doch viele ältere Menschen wissen nicht, wie man eine Rufnummer tauscht. „Es ist eine Aufforderung an die Enkel“, sagt Kaiser. „Helft Euren Großeltern.“ So einfach kann der Spuk nämlich vorbei sein.

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