Erde in Bewegung

Münchner Forscher beweisen: Die Alpen wandern nach Norden - und sie werden höher

So unscheinbar sehen die GPS-Messstationen aus, die Satellitendaten empfangen. Hier eine auf dem Fahrenberg oberhalb des Kochelsees bei Bad Tölz.

Für ihre Ruhe und Unerschütterlichkeit werden die Alpen geliebt – dabei sind sie ständig in Bewegung. Sie wandern nach Norden – und sie werden höher: Das haben Forscher der TU München nach zwölf Jahren Detailarbeit herausgefunden.

München – Und plötzlich lag Bologna fast einen Meter höher – von einem Tag auf den anderen. Erst traute Laura Sanchez ihren Augen nicht, dann dachte sie an ein Erdbeben. Wie sonst war es möglich, dass die GPS-Messstadion derart abweichende Koordinaten sendete?

Sanchez forscht am Lehrstuhl für Geodätische Geodynamik der Technischen Universität (TU) München. Als Vermesserin des Planeten weiß sie, dass die Erdoberfläche ständig in Bewegung ist. Wohin die Alpen unterwegs sind, hat sie in den vergangenen zwölf Jahren mit ihren Team am Deutschen Geodätischen Forschungsinstitut herausgefunden. Die Riesen, die so unerschütterlich wirken, die so viel Ruhe ausstrahlen, wandern nach Norden. Jedes Jahr um einen halben Millimeter. Und sie wachsen – um 1,8 Millimeter im Jahr.

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Laura Sanchez, Geoforscherin an der TU München.

Am vermeintlichen Hochsprung Bolognas war der Schnee schuld: Er fiel ins Fundament der Messstation, das gefrorene Eis schubste die Antenne um 70 Zentimeter nach oben. Sie ist nur eine von mehr als 300 im deutschen, österreichischen, italienischen, schweizerischen, slowenischen und französischen Alpenraum. Seit zwölf Jahren sendet jede Station im 15-Sekunden-Takt ihre Position. „Die Daten sind eine Goldgrube für die Geodäsie“, sagt der TU-Lehrstuhlinhaber Florian Seitz. Durch die Auswertung konnten die Forscher von Woche zu Woche minimale Veränderungen beobachten. Sie entwickelten nun erstmals ein Computermodell, das die Dynamik des gesamten Alpenraums veranschaulicht.

Die ständige Kontrolle und Wartung der Messstationen an 365 Tagen im Jahr: Das sei die größte Herausforderung des Projekts gewesen, sagt Laura Sanchez. „Sogar an Weihnachten und Neujahr.“ In Bayern empfangen fünf Antennen Daten von Satelliten aus dem All – am Fahrenberg oberhalb des Kochelsees (Kreis Bad Tölz-Wolfratshausen), am Breitenberg und Hochgrat (Allgäuer Alpen), sowie am Hochries und Wartsteinkopf (Chiemgauer Alpen). Viele Bergsteiger dürften sie kennen, manche werden sie wegen ihrer Unscheinbarkeit übersehen haben. Die Betonsäulen sehen aus, als hätten sie runde, weiße Helme auf.

Die Erkenntnisse der Forscher sind vielfältig: Das Gebirge in Süd- und Osttirol zum Beispiel wird im Gegensatz zu anderen Regionen immer mehr zusammengedrückt. Und während die Hebung in den Westalpen relativ gering ist, erreicht sie an der Grenze zwischen Österreich, der Schweiz und Italien mit über zwei Millimetern im Jahr ein Maximum. Zu erklären ist all das mit der Plattentektonik – der Lehre, von der Bewegung der äußeren Erdhülle, genannt Lithosphäre. Die Alpenwanderung erklärt Laura Sanchez so: „Die afrikanische Kontinentalplatte drückt die adriatische und damit ganz Italien nach Norden.“

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Heute lacht die Forscherin über den 70-Zentimeter-Zwischenfall, der sie damals so verwunderte. Doch dass es auf der Erdoberfläche nicht nur jährliche Bewegungen in Millimetergröße gibt, ist ihr sehr wohl bewusst. Genau wie Schnee drückt auch Regen den Erdboden nach unten – im brasilianischen Regenwald bei Manaus sogar schon mal um zwölf Zentimeter jährlich. Die Dynamiken in ganz Südamerika herauszufinden: Das ist das nächste Projekt der Münchner Geodäsie-Forscher.

Wissenschaftler beschäftigen sich übrigens nicht nur mit Bewegungen an Land: Geologen aus Hannover haben sich parallel zu ihren Münchner Kollegen über die Nordsee schlau gemacht. Das Ergebnis: Der Meeresboden ist in den vergangenen 2,6 Millionen Jahren um 1100 Meter gesunken.

Quelle: Merkur.de