Vor der Landtagswahl

Mut-Partei fordert „ökologische Transformation: Umweltpolitik muss wehtun“

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Wissenschaftler als Politiker: Stephan Lessenich ist Soziologie-Professor an der LMU. Zusammen mit der Landtagsabgeordneten Claudia Stamm hat er Mut gegründet.

18 Parteien treten zur Landtagswahl an. „Mut“ ist einer der Exoten auf dem Stimmzettel. Das Bündnis stellt sich gegen den Rechtsruck. Für was noch, das erklärt Mitgründer und Soziologie-Professor Stephan Lessenich im Interview.

München – Menschlichkeit, Umverteilung, Toleranz? Nein, Mut ist keine Abkürzung, allein das Wort ist gemeint. Und wie will die Partei, die die Furchtlosigkeit im Namen trägt, den anderen das Fürchten lehren? Darum geht es gar nicht, sagt Stephan Lessenich (53). Der Direktor des Instituts für Soziologie an der LMU München hat Mut zusammen mit Claudia Stamm gegründet. Die Landtagsabgeordnete war im März 2017 bei den Grünen ausgetreten, weil die Partei ihrer Meinung nach nicht mehr entschieden genug für ihre Überzeugungen eintrat. Für Mitstreiter Lessenich ist die Politik absolutes Neuland. In seinem Buch „Neben uns die Sintflut: Die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis“ diagnostiziert er: „Wir lagern systematisch Armut und Ungerechtigkeit aus.“

-Herr Lessenich, Politiker müssen hart und klar für ihre Positionen eintreten. Wie schwer fällt Ihnen das als Wissenschaftler?

Mich wissenschaftlich klar zu positionieren, fällt mir eigentlich nicht schwer – aber natürlich ist es in der Politik anders. Man muss überspitzen und vereinfachen. Das fiel mir gerade beim Wahl-O-Mat auf, für den wir uns als Partei bei sehr weitreichenden Fragen positionieren mussten. Vieles kann man nicht mit Ja oder Nein beantworten. Ich bin schon oft geneigt, ein „Aber“ oder ein „Und“ nachzuschieben. Und: Als Politiker wird man zu Dingen gefragt, von denen man keine Ahnung hat.

-Was macht Ihnen denn gerade Mut?

Ich begegne sehr vielen Leuten, die jetzt selbst handeln, die politischer werden wollen. Und die bereit sind, dafür auch mal auf die Straße zu geben. Es macht Mut zu sehen, dass wir nicht nur ein paar Versprengte mit partikularen Anliegen sind, die sonst niemand teilt.

„Gar nicht wählen, ist auch keine Option“

-Eine Partei gründen: Ist das heute noch die originellste Idee, wenn man etwas bewegen will?

Kaum jemand nimmt sich für sein Leben vor, eine Partei zu gründen. Es war auch nie mein Ziel oder Herzenswunsch, sondern eher dem Zufall geschuldet: der Begegnung mit Claudia Stamm. Hinter Mut stehen Menschen, die alle irgendwann an den Punkt kamen: Ich weiß nicht mehr, was ich wählen soll. Aber gar nicht zu wählen, ist auch keine Option.

-Was ist mit den Grünen oder Linken? Eigentlich können Sie doch nur denen ein paar Stimmen wegnehmen.

Ich glaube, die Kombination, die wir anbieten, finden Menschen nicht woanders. Es ist erst mal zweitrangig, ob wir 0,5, 5 oder 50 Prozent bekommen. Entscheidend ist der Einsatz für unsere Überzeugungen.

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-Sie sprechen von einer radikalen sozialen, ökologischen Transformation. Was meinen Sie damit?

Radikal heißt: Wir müssten unseren Energie- und Ressourcenverbrauch um sieben Achtel reduzieren, um nicht mehr auf Kosten anderer in der Welt zu leben. Maßnahmen in der Umweltpolitik, die den Menschen nicht wehtun, reichen dafür nicht aus. Die Grünen haben zum Beispiel 2013 für den Veggie-Day ordentlich auf den Deckel bekommen. So klare Forderungen stellen sie heute nicht mehr, weil sie Angst haben, Stimmen zu verlieren. Aber eine wirkliche Transformation geht ans Eingemachte, an unseren Lebensstandard.

-Wo muss es denn noch wehtun?

Wir müssen radikal vom Individualverkehr weg und den öffentlichen bis in die Peripherie ausbauen. Nicht nur mehr Radwege bauen. Man müsste den Autoverkehr nicht nur unattraktiver machen, sondern ihn auch aus den Innenstädten verbannen.

Ich war letztens bei einem 50. Geburtstag. Eine Kollegin, die ich sehr schätze, ist dafür von Düsseldorf nach München und wieder zurück geflogen. An einem Tag. So etwas geht nicht. Die Grünen würden sicher keine Inlandsflüge verbieten – ich schon.

-Was fordert Mut bei Nicht-Verkehrsthemen?

Kritische Konsumenten. Und wir brauchen eine viel klarere Kennzeichnungspflicht: Wie viel Kinderarbeit und welche Umweltfolgen stecken in den Produkten? Die Leute müssen stärker damit konfrontiert werden, was sie da eigentlich kaufen. Ein anderer Punkt sind Rechte für Nicht-Staatsbürger. Ich finde es skandalös, dass ein großer Teil der Gesellschaft nicht wählen und so seine Lebensverhältnisse nicht mitgestalten darf.

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-Ihre Partei betont, dass die Großen und Mächtigen die Welt missbrauchen. Wen meinen Sie ganz konkret in Bayern?

Wir wissen alle, dass der Freistaat sehr stark von der Automobil- und Rüstungsproduktion profitiert. Sie können ihre organisierten Interessen durchsetzen, weil die Politik über Jahrzehnte dafür die Rahmenbedingungen geschaffen hat. Aber eigentlich will ich nicht einseitig auf große Konzerne zeigen.

-Sondern?

Sie können ihren Profit ja nur machen, weil wir alle es zulassen. Die Bürger drücken ein oder zwei Augen zu, weil sie in ihrem Alltag davon profitieren.

-Mut tritt vor allem auch gegen den Rechtsruck an. Das schreiben sich aber viele kleine Parteien auf die Fahne.

Es gibt so viele Menschen, die in Bayern alltäglich für die Ziele von Mut eintreten – ohne dass sie uns wählen würden. In der Flüchtlingshilfe, im Einsatz gegen rechte Gewalt. Aber dieser Teil der Gesellschaft wird leider immer weniger wahrgenommen. Diese Engagierten müssen wieder gestärkt werden.

Quelle: Merkur.de