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„I gfrei mi scho“: Jugend benutzt Bairisch auf WhatsApp – Dialektologe erklärt Phänomen

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Von: Cornelia Schramm

Chiara verwendet in WhatsApp ihren Dialekt.
„I gfrei mi fei scho sauber“: Chiara verwendet in WhatsApp ihren Dialekt. © Marcus Schlaf

In Bayern, Österreich und der Schweiz wird in SMS- und WhatsApp-Nachrichten Dialekt geschrieben. Der Dialektologe Konstantin Niehaus erklärt das Phänomen.

München – Schreiben im Dialekt erobert den Alltag. Vor allem in Bayern, Österreich und der Schweiz leben SMS- und WhatsApp-Nachrichten von schmissiger Mundart. „Für viele junge Menschen ist das total normal“, sagt Konstantin Niehaus (37). Als Dialektologe forscht er an der Universität in Salzburg zu Mundart und Dialekt in sozialen Medien.

Wie chattet der Bayer?

In Chats steht häufig i statt ich, ned/net statt nicht, des statt das und mi statt mich. In der 1. Person Plural sind Zusammenziehungen gängig: geh ma, sam ma, mach ma. Sind wird zu san und haben zu ham. Es wird so getippt, wie im Alltag gesprochen wird.

Wie chatten Sie selbst?

Nachrichtenschreiben im Dialekt ist eine Generationsfrage. Ich bin 37 und gehöre wohl knapp nicht mehr zur Mundartfraktion. Ich wurde so erzogen, unbedingt in Schriftsprache zu schreiben – wie viele andere Ü30-Jährige.

Was hat sich verändert?

WhatsApp und andere Chatmöglichkeiten gab es damals nicht. Briefe hat bei uns keiner im Dialekt geschrieben. Ich bin bei Schwabmünchen im Kreis Augsburg aufgewachsen und erinnere mich, dass Dialektsprechen uncool war. Das Prestige hat sich verändert. Dialekt ist akzeptiert – wohl, weil er heute auch in den Medien auftaucht. Für junge Leute ist er so normal, dass sie ihn im Alltag sogar mehr oder weniger konsequent beim Chatten verwenden.

Dialektologe Konstantin Niehaus über die Chats der jungen Bayern
Dialektologe Konstantin Niehaus über die Chats der jungen Bayern © Privat

Nord-Süd-Gefälle im Dialekt, selbst in Bayern

Offenbar gibt es auch ein Nord-Süd-Gefälle?

Je weiter südlich, desto mehr Dialektkompetenz: In der Schweiz ist sie mit über 90 Prozent am höchsten. In Süddeutschland und Österreich wird häufiger Dialekt gesprochen als in Mittel- und Norddeutschland. Aber auch in Bayern gibt es ein Nord-Süd-Gefälle. Je näher an Österreichs Grenze, desto mehr Bairisch – jetzt auch im Chat.

Warum finden Sie getippten Dialekt so interessant?

Der WhatsApp-Chat ist eine Mischform aus gesprochener und geschriebener Kommunikation. Die Nachricht ist formal gesehen geschrieben, die Situation aber ein privates Gespräch. Das führt dazu, dass Person A und B die Sprache verwenden, die sie auch im Alltag verwenden würden, wenn sie nebeneinander stehen. Der Chat ist zwanglos – und es kann vorkommen, dass A Bairisch schreibt und B Hochdeutsch. Jeder wählt die Sprache, mit der er sich identifiziert. Ganz ohne Regeln.

Funktioniert deshalb auch Werbung mit Dialekt?

Dialekt ist immer ein Identitätsthema. In den 1990er-Jahren war alles uninteressant, das mit Regionalität zu tun hatte. Das hat sich geändert – so wie das Ansehen des Dialekts. Plötzlich gab es sogar Comedy auf Bairisch – wie „Der Schuh des Manitu“ oder Michael Mittermeier. Weil das gut ankam, wurde bald mehr mit Dialekt geworben.

Die wichtigsten Bausteine für eine bairische SMS:

Die richtige Anrede: Habadere; Servus; Grias di; Griaß eich

Termine bestätigen: Basst (bei großer Zustimmung); Basst scho (wenn’s wann anders eigentlich besser passen würde)

Vorfreude: I gfrei mi scho; Des werd da Wahnsinn, wirst seng

Zu spät kommen: Bin glei do; Bin eigschlaffa

Absagen: I bleib liaba dahoam

Anbandeln: Du gfoist ma Bewunderung: Schaug eam/sie ned o

Bedauern: I hoi mei Schneizdiache raus (nicht ganz ernst gemeint); Armer Deife (ernst gemeint)

Aufforderung: Geh weida! (z.B. Räum auf!: Geh weida, dua dei Graffe auf d’Seitn!)

Letzte Nachricht nach fünf Mass: Leckomio

Urlaubsgrüße an die Eltern: Schee is – und schmecka duad’s a

Abschiedsgruß: Servus

Schluss machen: I mog di einfach nimma; Hab mi doch gern

Beim Dialekt Bairisch gibt es auch Grenzen

Gibt es Grenzen? Wo funktioniert Bairisch nicht?

Ein Supermarkt hat einmal die Info-Schilder über den Regalen in welche mit bairischen Wörtern ausgetauscht. Das hat die Kunden verwirrt. Informationen vermittelt eher Standarddeutsch, also Hochdeutsch. Bei Produkten, mit denen sich Kunden identifizieren sollen, funktioniert Dialekt. Er vermittelt ein Zugehörigkeitsgefühl, steht für Vertrautheit, Nähe und Authentizität. Den gleichen Effekt hat Dialekt, wenn er beim Chatten verwendet wird.

Haben Sie ein Beispiel?

Mein absolutes Lieblingswort in den Chatverläufen der Bayern ist „fei“ – das Wort gilt selbst in Österreich als typisch bayerisch. Es lässt sich schwer übersetzen. „Übrigens“ trifft es wohl, aber das hat nicht denselben Charme. Ansonsten sind beim Chatten auch Ausrufe wie „geh weida!“, ein Ausdruck der Ungläubigkeit, beliebt. Und servus als Universalwort für Begrüßung und Abschied.

Was geht gar nicht?

Im privaten Chat mit den besten Freunden geht alles. In der Öffentlichkeit aber nicht. Ein Beispiel: Zur Wiesn-Zeit hat Aldi vor Jahren in den Sozialen Medien auf Bairisch geworben. Der Discounter nannte sich „Oidi“. Der Gag ging nicht auf, da das niemand sagt. Für Eigennamen gibt es oft keine Dialektversion.

Das Interview führte Conny Schramm

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