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Die Widrigkeiten des Lebens - Kolumne von Susanne Breit-Keßler*

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Susanne Breit-Keßler, ehemalige evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern.
Susanne Breit-Keßler, ehemalige evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern. © privat

Ich bin fröhlich auf dem Land aufgewachsen und insofern kein Stadtmensch. Aber nun wohnen wir mitten in München, immerhin der schönsten Stadt der Welt.

Das hat Vorteile, über die nicht diskutiert werden muss. Dennoch versuche ich, auf unserem städtischen Balkon eine Art tröstliches Paradies zu schaffen - gerade in diesen Pandemie- und Katastrophenzeiten, die einem viel Resilienz und Haltung abverlangen.

Es gibt bienenfreundliche Blumen und ebensolche Kräuter, die bei Bedarf in die Küche wandern. Und es gibt Eichhörnchen. Sie heißen quotenfeindlich Theodor, Siegbert und Rote Zora. Das ist nötig, um sie auseinanderzuhalten. Zu den Eichhörnchen gesellen sich hin und wieder Rotkehlchen und Meisen. Ihnen allen haben wir artgerechte Futterplätze bereitgestellt mit ebensolchen Speisen. Soweit alles gut.

Tauben drängen sich als ungebetene Gäste ins Balkon-Paradies

Nicht gut ist, dass Tauben sich in unser Paradies ungebeten hereindrängen. Das hat zwar meine körperliche Fitness verbessert, weil ich ständig „Kschksch“ zischend und Hände klatschend auf den Balkon sprinte. Aber meine freundliche Haltung gegenüber der Schöpfung verschlechterte. Ich kaufte silbrige Flatterbänder, funkelnde Windräder und Spiralen. Die erschrecken nämlich Tauben. Sagen Hersteller und Naturschutz.

Die Tauben sehen das anders. Den Gipfel ihrer Fähigkeit, mit herausfordernden Situationen umzugehen, stellte der Besuch einer Taube dar, die elegant umweht von einem schick glitzernden Abwehrband neben dem spiegelnden Windrad posierte. „Mach’ ein Foto“, gurrte sie und ich zog meine Wasserpistole, die acht Meter weit schießt. Das Shooting bekam für das Vieh eine andere als die geplante Bedeutung. Es entfernte sich.

Wenn du mit dem Leben zurechtkommst, dachte ich, dann ich auch. Ich schaffte alles andere ab und kaufte ein Eichhörnchen-Haus mit Klappe. Unsere kleinen Freunde können es nach einem Blick durch die Klarsichtscheibe unschwer öffnen und sich von oben bedienen. Die Meisen sind leider verärgert und klopfen missmutig an die Auslage. Zum Glück krümeln Eichhörnchen und die Vögel bekommen etwas ab.

Leider sind auch die Tauben bereit, von den Brosamen, die von der reichen Hörnchen Tische fallen, zu essen. Angesichts ihrer Gabe, mit Widrigkeiten klar zu kommen, war ich am Rande der Verzweiflung. Bis, ja bis Theodor neulich morgens neben mir auf dem Balkon saß, auf die Taube losraste, verärgert keckerte und fauchte. (Hat er das von mir - oder umgekehrt?)

Die Taube zog lieber wieder los. Seitdem bleiben die Eichhörnchen, wenn ich schimpfe oder sie tun es gleich selbst. Eine schöne Sache. Und ich vergesse glatt mal, dass die Welt außen herum nicht so leicht zu bewältigen ist. Aber wenigstens auf unserem Balkon. Danke Theodor.

*Die frühere evangelische Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler ist Vorsitzende des Ethik-Rates.