1. news-bayern
  2. Nachrichten

Ein bisschen Januar fürs Jahr - Kolumne von Susanne Breit-Keßler*

Erstellt:

Susanne Breit-Keßler war evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern.
Susanne Breit-Keßler war evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern und ist Vorsitzende des Ethik-Rates. © privat

Kaum ist er angekommen, verschwindet er schon wieder – der erste Monat dieses Jahres. Dabei würde er mit seinem Charakter zu diesem Jahr passen.

Januar hat seinen Namen vom römischen Gott Janus. Janus wird mit einem Doppelgesicht gezeigt, das nach vorne und zurückschaut. Deswegen gilt er als zwiespältig im negativen Sinn. Etwa in der Geschichte von Patricia Highsmith „Die zwei Gesichter des Januar“.    

Eine Dreiecksgeschichte mit vielen Wendungen, in der kaum jemand ist, wer er zu sein vorgibt. Ambivalenzen ohne Ende - und das Ganze geht recht übel aus. Auch der Bösewicht Two-Face, Doppelgesicht, Gegenspieler der Comicfigur Batman, hat den Decknamen Janus. Two-Face ist ein ehemaliger Bezirksstaatsanwalt von Gotham City, der seit einem Säureattentat schwer entstellt ist.

Das verbreitete Bedürfnis, schnell simple Eindeutigkeit herzustellen

Harve Dents Gesicht teilt sich in der Mitte in zwei gegensätzliche Hälften: Die faszinierend schöne rechte Gesichtshälfte und die zernarbte linke Gesichtshälfte. Mit Two-Faces körperlicher Verletzung geht eine seelische einher. Seine Persönlichkeit ist gespalten. Er entscheidet sich für Böses oder Gutes, indem er eine Münze mit zwei Köpfen wirft - einer ist schön, der andere verkratzt.

Der Namensgeber des Monats Januar hat also ein miserables Renommee. Das entspricht dem weit verbreiteten Bedürfnis, schnell simple Eindeutigkeit herzustellen. Damit liegt man meist komplett daneben. Leben ist selten eindeutig. Vieles, was einem begegnet, zeigt sich tatsächlich von zwei Seiten. Man muss vorwärts denken, nachdem man zurückgeschaut, sich erinnert hat.

Ohne Erinnerung kann man Gegenwart nicht wirklich erleben oder Zukunft gestalten. Janus symbolisiert die Ambivalenz des Lebens. Es ist notwendig, sich dieser Ambivalenz zu stellen. Janusköpfig? Im besten Sinne des Wortes - als freier, liberaler Geist. Denken wir mal an Landräte und Landrätinnen. Sie sind, auf jeden Fall in Bayern, Vertreter des Landkreises und zugleich untere staatliche Verwaltungsbehörde.

Im deutschen Recht nennt man das ganz offiziell „Janusköpfigkeit“ – und weiß damit sofort, dass das eine gute, allerdings nicht unanstrengende Angelegenheit ist, für zwei Seiten zu arbeiten. Der römische Janus als Erfinder der bürgerlichen Gesetze und der gottesdienstlichen Gebräuche war ebenfalls für zwei Seiten tätig.  Das wird heute allerdings sauber unterschieden.

Janus. Einer, der sich erinnert und vorausschauend ist. Keine Eindeutigkeiten im Sinne von „simpel“. Lieber Denken, Überlegen und sorgsam Entscheiden. Miteinander im Gespräch bleiben. Und das, was einen im Blick auf sich selbst und andere blockiert, vorsichtig auflösen. Eine gehörige Menge Januar für den großen Rest des Jahres wäre nicht übel.

*Die frühere evangelische Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler ist Vorsitzende des Ethik-Rates.