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Energiekrise in Bayern: Experte stellt Söder-Regierung katastrophales Zeugnis aus – „Strauß hätte dafür gesorgt“

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Von: Matthias Schneider

Energieexperte Detlef Fischer (l.) stellt dem bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder (r. oben) und seinem Vorgänger (nicht im Bild) ein schlechtes Zeugnis aus. Unten der bayerische Energiemix, der so nicht zukunftsfähig ist.
Energieexperte Detlef Fischer (l.) stellt dem bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder (r. oben) und seinem Vorgänger (nicht im Bild) ein schlechtes Zeugnis aus. Unten der bayerische Energiemix, der so nicht zukunftsfähig ist. © Harry Koerber/Imago/VBEW

Kaum Windkraft, keine Stromspeicher und nichts in Planung. Der bayerische Energieexperte Detlef Fischer erklärt im Interview, warum vor allem die Tiroler mit bayerischem Solarstrom Geld verdienen und für welche Fehler der CSU-Regierenden wir heute büßen müssen.

München – Noch hat es über 30 Grad, doch in zwei Monaten beginnt die Heizsaison – und mit ihr die Angst vor einem Energieengpass. Das hätte nicht sein müssen, sagt Detlef Fischer, Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Bayerischen Energie- und Wasserwirtschaft (VBEW). Im Interview erklärt Fischer, wo Bayern steht – und wo es stehen sollte.

Herr Fischer: Seit 2014, mit der Einführung der 10H-Regelung, hat der Windkraftausbau jedes Jahr abgenommen. War die Regel ein Fehler?

Fischer: Für jede Kilowattstunde, die wir mit Wind erzeugen, müssen wir kein Gas verstromen. Und kein Preuße versteht, warum die Landschaft in Bayern schützenswerter sein soll als die in Niedersachsen.

20 Jahre hat sich Bayern nicht mit der Energieversorgung auseinandergesetzt – und zentrale Fehler gemacht

Von wo Markus Söder ja gerne den Strom beziehen würde. Dafür braucht es aber Hochleistungs-Stromtrassen, die frühestens in fünf Jahren fertig sind. Wäre das nicht schneller gegangen?

Fischer: Definitiv. Das ist einer der zentralen Fehler unserer Staatsregierung. Horst Seehofer hat damals den Begriff der Monstertrassen geprägt und damit den protestierenden Anwohnern das Wort geredet. Dadurch wurde der Ausbau extrem verzögert. Die letzten 20 Jahre hat man sich in Bayern nicht mit der Energieversorgung auseinandergesetzt. Das erwartet im Grunde auch niemand. Aber man hätte die Energiewirtschaft in Ruhe arbeiten lassen sollen und ihr keine Knüppel zwischen die Beine werfen dürfen.

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Problem Photovoltaik: Sie liefert Strom, wenn er nicht gebraucht wird

Der Freistaat Bayern ist aber Bundesspitze bei Solarstrom.

Fischer: Knapp 70 Prozent der Grünstrom-Leistung Bayerns ist Photovoltaik (PV). Sie stellt aber nur knapp über 30 Prozent der erzeugten Strommenge. 80 Prozent des PV-Stroms wird im Sommer erzeugt, nicht im Winter, wo wir auf jede Kilowattstunde angewiesen sind. Das ist noch keine bedarfsgerechte Energieversorgung, das ist gutes Marketing, das sind Plattitüden. Bis der Solarstrom nicht in großem Maßstab durch Wasserstoff oder Wasserkraft langfristig gespeichert wird, nutzt er uns im Winter kaum. Das sage ich als absoluter Photovoltaik-Fan – aber ich weiß halt auch, was die Technologie kann und was nicht.

Klimaneutrales Bayern bis 2040? „Franz Josef Strauß hätte dafür gesorgt, dass es realisiert wird“

Fischer: Wenn er vor dem Bund klimaneutral sein will – also spätestens 2040 –, muss er sein Land motivieren, die Erneuerbaren selbst auszubauen, sonst macht er sich unglaubwürdig. Man muss der Gesellschaft mit deutlichen Worten und Taten aufzeigen, was das Ziel ist und was dafür erforderlich ist. Die Zusage, dass man alle mitnehmen will – das geht bei einem so großen Umbau einfach nicht. Die Klimaneutralität bis 2040 ist die größte Aufgabe seit dem Krieg – und bald Staatsziel. Ein Franz Josef Strauß hätte dafür gesorgt, dass es realisiert wird, er hatte aber auch ein anderes Volk als die jetzige Staatsregierung.

Markus Söder will Windkraft und Fracking-Gas aus dem Norden – was kann und muss er in Bayern tun?

Biomasse und Wasserkraft haben in Bayern einen überdurchschnittlich hohen Anteil an der erzeugten Strommenge. Die Photovoltaik steuert – obwohl sie knapp 70 Prozent der installierten Leistung darstellt – einen vergleichsweise kleinen Beitrag bei.
Biomasse und Wasserkraft haben in Bayern einen überdurchschnittlich hohen Anteil an der erzeugten Strommenge. Die Photovoltaik steuert – obwohl sie knapp 70 Prozent der installierten Leistung darstellt – einen vergleichsweise kleinen Beitrag bei. © Harry Koerber/Imago/VBEW/Landesamt für Statistik

Atomkraftwerk Isar 2: „Bin mir heute schon sicher, wir werden es brauchen“

Die Staatsregierung will die Atomkraftwerke Isar 2 und Gundremmingen am Netz lassen, beziehungsweise wieder hochfahren. Geht das – und was würde es bringen?

Fischer: Bei Isar 2 bin ich überzeugt, dass es mit einem vertretbaren Aufwand möglich ist, wenn der Betreiber auch will. Bei Gundremmingen bin ich zu weit weg, da muss man in jedem Fall die Betreiber fragen. Man muss aber sehen: Die Mannschaften wurden in Frührente geschickt und der Rückbau von so einer Anlage ist ja ein riesiger logistischer Aufwand. Die entsprechenden Dienstleister sind jetzt schon beauftragt – wenn der Rückbau verschoben wird, werden die Abbruch-Firmen vollkommen zu Recht Entschädigungen verlangen, weil Verträge gebrochen würden. Da macht es sich die Politik schon ein bisschen einfach. Die Kernkraft ist kein Lichtschalter.

Und was brächte Isar 2?

Fischer: Das Kraftwerk liefert zuverlässig mehr als zehn Prozent der nötigen Stromleistung in Bayern – das ist nicht wenig. Ob wir es wirklich brauchen, wird das Ergebnis des zweiten Stresstests Ende August offiziell belegen. Ich bin mir heute schon sehr sicher, wir werden es brauchen.

Bayern hat verhältnismäßig viel Biomasse und Wasserkraft im Strommix. Hilft das?

Fischer: Gerade Biomasse ist neben der Wasserkraft bedeutsam: Betrachtet man unseren gesamten Energieverbrauch – also mit Heizen, Kraftstoffen und Prozesswärme –, stellen die Erneuerbaren 25 Prozent. Biomasse allein macht 15 Prozent aus. Das liegt an zwei Dingen: Holzheizungen decken viel ab. Aber auch Blockheizkraftwerke, die mit Biomasse arbeiten, erzeugen neben Strom viel Wärme – etwa im Verhältnis 50/50. Und die Anlagen sind grundlastfähig, können also Tag und Nacht laufen. Dadurch summieren sich, selbst bei relativ wenig installierter Leistung pro Anlage, recht große Mengen erzeugter und auch regelbarer Energie.

Pumpspeicherkraftwerke sind perfekt für das Puffern von Leistung geeignet. Wie steht Bayern da?

Fischer: Mit rund 14 Prozent ist der Anteil der Wasserkraft am bayerischen Strom hoch. Aber viel stammt aus Laufwasserkraftwerken in Flüssen, die nicht speicherfähig sind. Zum Vergleich: Im deutschsprachigen Raum gibt es rund neun Terawattstunden Wasserspeicher. Knapp sechs davon in der Schweiz, knapp drei in Österreich. Bayern hat fast nichts.

Wie konnte das passieren?

Fischer: Lange galten Speicherkraftwerke als unrentabel. Früher konnten die Betreiber an der Mittagsspitze und der Abendspitze verkaufen. Durch die Photovoltaik ist die Mittagsspitze aber weggefallen.

Bayern fehlen die Speicherkraftwerke - „Das macht den Tirolern richtig Spaß“

Auch das bayerische Wirtschaftsministerium verweist auf ein Gutachten von 2014, das die mangelnde Rentabilität bestätigt. Aber das selbe Gutachten betont auch die Chancen durch den Ausbau der Erneuerbaren. Heute kann Österreich bayerischen Sonnenstrom tagsüber günstig einkaufen und, wenn die Sonne nicht scheint, teuer zurückveräußern.

Fischer: Das macht denen richtig Spaß. Im Kühtai/Tirol wird derzeit ein neues Kraftwerk gebaut. Man muss der Staatsregierung vorhalten, dass sie neue Projekte – wie das am Jochberg – nicht unterstützt hat. Die Begründung war stets, dass sie nicht rentabel seien. Man hat sich also Gründe gesucht, warum man es nicht unterstützen muss. In Wahrheit hat man sich aber nur den Bürgerprotesten gebeugt, obwohl es einen Investor gab. Aber ohne den Rückhalt der Regierung fasst niemand so ein Projekt an: Das kostet mehrere hundert Millionen Euro.

Der Schlegeisspeicher in 1782 Meter Höhe in den Zillertaler Alpen in Tirol speichert bis zu 130 Millionen Kubikmeter Wasser, um damit Strom zu erzeugen.
Der Schlegeisspeicher in 1782 Meter Höhe in den Zillertaler Alpen in Tirol speichert bis zu 130 Millionen Kubikmeter Wasser, um damit Strom zu erzeugen. © Imago

Laut Gutachten gibt es in Bayern Potenzial für rund 1,1 Gigawatt Pumpspeicherleistung. Sollten die realisiert werden?

Fischer: Ich bin dafür. Wasserstoff hat am Ende einen Wirkungsgrad von 25 Prozent, Wasserkraft 75. Damit können wir erheblich dazu beitragen, die Überschüsse aus Sonne und Wind in der Dunkelflaute zu nutzen. Und wenn es einmal steht, ist es – wie das Walchenseekraftwerk – ein Tourismusmagnet.

Welche Rolle kann die Windkraft spielen?

Fischer: Wir haben genug windhöffige Standorte, um Windkraft zu nutzen. Meiner Meinung nach müssen es zusätzliche 2000 Anlagen werden. Denn Wind und Solar ergänzen sich regelmäßig sehr gut, das heißt, der Wind weht auch nachts, wenn die Sonne definitiv nicht scheint. Nicht immer, aber oft. Und gerade im Winter steht die Photovoltaik kaum zur Verfügung, da brauchen wir ja eine Quelle, die den Strom in den nötigen Mengen erzeugt. Die Zeiten, in denen beides nicht zur Verfügung steht, decken wir noch mit dem konventionellen Kraftwerkspark ab. In Zukunft brauchen wir Wasserstoff, Pumpspeicher und Biomasse-Anlagen.

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