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„Erst denken, dann handeln – nicht umgekehrt“: Fränkisches Gasthaus kritisiert neue Mehrwegpflicht scharf

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Von: Miriam Haberhauer

Die Coronajahre stecken der Gastronomie noch tief in den Knochen. Nun wird ihre Situation durch die neue Mehrwegpflicht noch schwieriger. Eine Chefköchin übt Kritik.

Erlangen – Seit Jahresbeginn sind Gastronomen dazu verpflichtet, Speisen und Getränke zum Mitnehmen auch in Mehrwegverpackungen anzubieten. So soll Plastikmüll durch Einwegprodukte reduziert werden. Bei der Umsetzung fühlen sich einige Gastrobetriebe aber vor vollendete Tatsachen gestellt.

Mehrwegpflicht seit Jahresbeginn: Gastronomen vor vollendeten Tatsachen

Für Barbara Palmer, Geschäftsführerin und Chefköchin im fränkischen Gasthaus „Zur grünen Au“ in Erlangen, kam das neue Gesetz viel zu kurzfristig: „Es hieß immer, es kommt irgendwann in Zukunft, aber nie konkret wann“, erzählt die Gastronomin im Gespräch mit Merkur.de. Erst zu Jahresbeginn habe sie dann vom Start der neuen Vorschrift erfahren. Die Mehrwegpflicht stellte Palmer und ihre Gastro-Kollegen dann vor vollendete Tatsachen: „Die Politiker haben uns im Regen stehen lassen.“

Die Umsetzung der Mehrwegpflicht gestaltet sich nämlich alles andere als einfach, berichtet Palmer: „Auf dem Markt wird noch nicht so viel geboten, dass wir uns da einfach was aussuchen können.“ Es gäbe einfach noch nicht genug Erfahrung in der großflächigen Verwendung von Mehrwegprodukten – Die Gastrobetriebe müssten deshalb selbst ausprobieren, welche Verpackung für ihre Produkte am besten geeignet ist.

Mehrwegpflicht in Gastronomie

Ab 1. Januar 2023 gilt die neue Mehrwegpflicht für Gastrobetriebe. Das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Verbraucherschutz teilt dazu mit: „Restaurants, Bistros und Cafés, die Essen für unterwegs verkaufen, sind ab 2023 verpflichtet, ihre Produkte sowohl in Einweg- als auch in Mehrwegverpackungen anzubieten. Die Mehrwegvariante darf nicht teurer sein als das Produkt in der Einwegverpackung. Außerdem müssen für alle Angebotsgrößen eines To-go-Getränks entsprechende Mehrwegbecher zur Verfügung stehen und die Mehrwegverpackung darf auch ansonsten nicht zu schlechteren Bedingungen angeboten werden als die Einwegverpackung.“

Lager voll mit Einwegverpackungen – „Blödsinn, das alles wegzuschmeißen“

Denn: „Blaukraut, Tomatensauce und so weiter, das färbt alles ab“, meint Palmer. Gleichzeitig müssten die neuen Gefäße zuverlässig warmhalten, damit die Kunden nicht am Ende lauwarmes Essen auf den Tellern haben. Bislang lieferte die „Grüne Au“ ihr Essen in versiegelten Styroporverpackungen, insgesamt sechs Lieferautos bringen die fränkischen Schmankerl zu Kunden in der Region.

Nicht nur den Gastronomen bereitet die neue Vorschrift Kopfzerbrechen – auch die Verpackungslieferanten stehen vor neuen Herausforderungen. „Das Lager ist voll mit Einwegverpackungen, das kann man nicht einfach wegschmeißen“, beschreibt Palmer die Situation ihres Zulieferers. „Das wär ja Blödsinn, das alles wegzuschmeißen“, fügt die Geschäftsführerin hinzu.

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„Deutschland alleine kann die Welt nicht retten“ – deutliche Worte an Politik

Die Gastronomie steckt im Moment schwer in der Krise, die neue Gesetzesvorschrift verschärft die Situation für viele Betriebe noch einmal: „Corona hat uns zerschmettert, die Inflation schießt in die Höhe und jetzt kommen auch noch die Mehrwegverpackungen“, resümiert Palmer.

„Die Politik lässt uns nicht aufatmen. Uns werden so viele Steine in den Weg gelegt, dass man sich die Frage stellen muss, ob sich das überhaupt noch rentiert.“ Bei allem Verständnis für Umweltschutz, für Palmer ist die neue Vorschrift der falsche Weg: „Jeder will umweltfreundlich sein, aber Deutschland alleine kann die Welt nicht retten.“

REBOWL-Mehrwegverpackung in Fleischerei Aachen, 10.01.2023: Einsatz von REBOWL-Mehrwegschalen für den mobilen
Mehrwegverpackungen wie diese soll es in der Gastronomie bald überall geben. (Symbolbild) © IMAGO/Hans-Jürgen Serwe

„Situation wird immer kritischer“ – Gastronomie in der Krise

„Die Situation wird für Gastronomen immer kritischer, irgendwann hat man keine Lust mehr“, berichtet die Geschäftsführerin. Aus Gesprächen mit anderen Gastro-Kollegen schließt die Erlangerin: „Viele überlegen, ihren Laden zu verkaufen oder dichtzumachen. Wenn das so weitergeht – Wie sollen wir arbeiten?“ An die Politik richtet die Gastronomin eine deutliche Bitte: „Erst denken, dann handeln, nicht umgekehrt.“

Die „Grüne Au“ ist bei weitem kein Einzelfall: Auch Gastronomen in Miesbach sind betroffen – dort wollte die Stadt ihre heimischen Gastrobetriebe bei der Einführung von Mehrweggeschirr im To-go-Segment aber zumindest finanziell unterstützen. (mlh)

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