1. news-bayern
  2. Nachrichten

Frust über 9-Euro-Ticket: Wenn eine Zugfahrt aus dem Allgäu nach München zum „Horror“ wird

Erstellt:

Von: Patrick Mayer

In Zeiten der Inflation ein Riesen-Thema in Deutschland: Das 9-Euro-Ticket.
In Zeiten der Inflation ein Riesen-Thema in Deutschland: Das 9-Euro-Ticket. © Lennart Preiss / dpa

Mit dem 9-Euro-Ticket mache ich mich auf den Weg aus dem Allgäu nach München. Was ich in der brechend vollen Regionalbahn erlebe, lässt mich sprachlos zurück. Ein Erlebnisbericht.

München/Allgäu - Es ist Montagmittag, Wangen im Allgäu, schönstes Sommerwetter: Ich mache mich gut gelaunt und bestens erholt auf den Heimweg nach München, nachdem ich einen Freund am Bodensee besucht habe. Natürlich habe ich mir im Vorfeld ein 9-Euro-Ticket gekauft.

Leichte Bauchschmerzen hatte ich schon. Ich wusste: Täglich 400 überfüllte Züge, 700 Störungen, Tausende Überstunden für die Bahn-Mitarbeiter - ein Fahrgastverband hatte scharfe Kritik geäußert. „In den Hauptreisezeiten war die Nachfrage auf den Hauptstrecken so stark, dass Züge nicht abfahren konnten. Und einige Bahngesellschaften – etwa die Metronom in Norddeutschland – haben die Fahrradbeförderung ausgeschlossen, weil sie dem Ansturm nicht Herr wurden“, erklärte zuletzt Karl-Peter Naumann von Pro Bahn der Deutschen Presse-Agentur (dpa).

9-Euro-Ticket in Deutschland und Bayern: Überfüllte Züge und Bahnsteige

Zur Einordnung: Das 9-Euro-Ticket soll dabei helfen, dass die Energiekosten wegen Sanktionen gegen Russland im Ukraine-Krieg nicht ins Uferlose abdriften. Stattdessen gibt es überall Ärger.

„Zu den befürchteten tätlichen Übergriffen gegen das Bahnpersonal kam es nicht, wohl aber zu verbalen“, erzählte der Vizevorsitzende des Gesamtbetriebsrats DB Regio, Ralf Damde, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND): „Überall in Deutschland waren die Bahnsteige und die Züge voll, in mehreren Fällen mussten überfüllte Züge geräumt werden.“

Im Video: 9-Euro-Ticket - Hälfte der Menschen in Deutschland will Bus und Bahn im Sommer meiden

Da ich Schwabe bin und an Klischees glaube, komme ich trotz aller Bedenken nicht drumherum. Günstiger geht es schließlich wirklich nicht. Doch: Nachdem schon die Hinfahrt am Freitag (10. Juni) ein Spektakel war, wurde die Rückreise für mich zum persönlichen „Horror“. Warum? Vier Gründe.

1. Grund: Brechend volle Züge und „Kuschel“-Faktor wegen 9-Euro-Tickets

„Sie haben heute die Möglichkeit, sich besonders nah zu kommen.“ Bereits die Schaffnerin auf der Hinfahrt hatte einen besonderen Humor. Sie nahm den zeitweise völlig überfüllten Zug mit smarter Ironie. „Wenn vor dem letzten Umstieg niemand dabei war, haben sie jetzt eine neue Gelegenheit“, sagt die Dame, Mitte fünfzig, immer ein Lächeln im Gesicht und mit einer „Herzblatt“-Gedächtnis-Stimme versehen.

Wer sich nicht erinnert oder damals zu jung war: In den 1990er Jahren war eine Kuppelshow mit demselben Namen der Renner im Abendprogramm der Öffentlich-Rechtlichen. Weniger harmonisch geht es auf der Rückfahrt bei jedem Halt an den Bahnsteigen in den Mittelzentren des Allgäus zu. Besonders in Buchloe und Memmingen drängen sich die Fahrgäste eher in Ellenbogenmentalität in die Waggons, dasselbe Bild später in Pasing.

2. Grund: Streitpunkt Fahrräder - 9-Euro-Ticket fordert viel Toleranz

„Wegen hohen Fahrgastaufkommens besteht heute leider keine Möglichkeit für eine Fahrradmitnahme.“ Noch so eine Zug-Durchsage in 9-Euro-Ticket-Zeiten. Dennoch halten sich einzelne Radlfahrer nicht an die Vorgabe, quetschen ihre teils hochgerüsteten Mountainbikes vor oder nach einer bergigen Tour durch das Allgäu ins Abteil. Konflikte sind vorprogrammiert.

Stehplatzgäste sind angefressen, dass die Räder ihnen in die (Wander-) Wadeln drücken. Und die Fahrradfahrer sind angesäuert, wenn die Wanderer an ihren Bikes lehnen. Obwohl es mangels Stehplatz gar nicht mehr anders geht. Als ein Fahrgast vor lauter Nervenflattern anfängt, an der Klingel eines Mountainbikes rumzuspielen, reicht es dem Besitzer. „Hände weg! Nur Anschauen erlaubt“, schnaubt er wie ein wild gewordener Stier durch den Waggon. Vor allen. Slapstick? Ein schlechter Witz?

Brechend voll: die Regionalbahn zwischen Allgäu und München.
Brechend voll: die Regionalbahn zwischen Allgäu und München. © pm

3. Grund: „Taschen haben kein Anrecht auf einen Sitzplatz“

München ist auf der Rückfahrt immer noch ein Stückchen entfernt, als in Buchloe das Abteil endgültig geflutet wird. Einer gegen alle, alle gegen einen. Auf den Schienen nimmt der Egoismus Überhand.

Negativer Höhepunkt sind in dieser Gemengelage Fahrgäste, die ihre Vierersitzreihe dennoch mit zwei riesigen Sporttaschen belegen. Die zwei (modisch eher fragwürdigen) roten Koffer im Zwischengang nicht zu vergessen. „Taschen haben kein Anrecht auf einen Sitzplatz“, sagt diesmal eine jüngere Schaffnerin ins Mikrofon. Auch sie ist sehr bemüht, letztlich aber machtlos.

Taschen haben kein Anrecht auf einen Sitzplatz.

Schaffnerin in der Regionalbahn nach München

4. Grund: 9-Euro-Ticket in Corona-Zeiten - Wie war das nochmal mit der Maskenpflicht?

„Corona ist nicht weg!“ Als sich ein halbstarker Teenager an mir vorbeiquetscht, habe ich Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) im Ohr. Eine Maskenpflicht kennt der junge Mann auf fünf Zentimeter Entfernung aber offensichtlich nicht. Wie cool er seinen Kaugummi kaut, muss man schließlich miterlebt haben.

Automatisch werden vom Zugpersonal Ansagen eingespielt, sich doch bitte an besagte Maskenpflicht zu halten. Diese gelte noch immer verbindlich. Es interessiert aber nur noch die Hälfte der Mitreisenden. Und so bin ich am Ende nur noch eines: Froh, als die Regionalbahn endlich am Hauptbahnhof München einfährt. (pm)