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Pflegende Eltern durch Corona in Not: „Dein Nachbar“ vermittelt Alltagshelfer - „Es geht um Entlastung“

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Von: Katrin Woitsch

Eine Helferin sitzt mit zwei kleinen Kindern am Tisch und malt mit ihnen
Eltern entlastet, Kinder versorgt: Die Ehrenamtlichen des Vereins „Dein Nachbar“ unterstützen ab September auch pflegende Mütter und Väter. Sie kümmern sich um die Kinder und bieten Alltagshilfe an. © picture Alliance

Der Verein „Dein Nachbar“ bringt seit sechs Jahren Ehrenamtliche und Hilfsbedürftige zusammen. Nun hat er sein Angebot auch für pflegende Eltern erweitert. Denn viele von ihnen sind durch die Pandemie in Notsituationen geraten.

Simone Brugger und ihr Mann haben Monate hinter sich, in denen sie kaum dazu kamen, miteinander zu reden. Ihr fünfjähriger Sohn Adam hat einen sehr seltenen Gendefekt, er ist auf Pflege angewiesen, kann eigentlich nie allein sein. Die Familie hatte dank Individualbegleitung und Kindergarten ein System aufgebaut, mit dem sie den Alltag gut meistern konnte. Dann kam Corona und die Lockdowns. Adam konnte nicht mehr in den Kindergarten, die Helfer durften nicht mehr ins Haus. Die Familie war von heute auf morgen völlig auf sich allein gestellt. „Anfangs haben wir beide im Homeoffice gearbeitet und uns die Zeiten so aufgeteilt, dass immer jemand für ihn da war“, erzählt sie. „Aber das ist keine Dauerlösung.“

Adam kann auch jetzt noch nicht wieder in den Kindergarten gehen. Das Risiko, dass er im Falle einer Infektion schwer erkranken würde, ist zu groß. Gleichzeitig ist es sehr wichtig, dass er gefördert wird. Simone Bruggers Chef Thomas Oeben hat von ihrer Situation erfahren. Er hatte vor sechs Jahren den Verein „Dein Nachbar“ gegründet. Ein digitales Netzwerk für Menschen, die helfen wollen und Menschen, die Hilfe benötigen. Sein Konzept kommt gut an bei Senioren, die im Alltag auf Unterstützung angewiesen sind. Simone Bruggers Geschichte war für Oeben nun der Anlass, sein Netzwerk auch auf pflegende Eltern zu erweitern. Denn er weiß, dass die Bruggers kein Einzelfall sind. „Die Anfragen haben durch die Pandemie zugenommen“, berichtet er. Weil viele Hilfen und Betreuungsangebote von heute auf morgen weggebrochen sind.

Oeben und sein Team haben die vergangenen Wochen genutzt, um für Eltern von pflegebedürftigen Kindern ein Netzwerk aufzubauen. Er hat Kooperationspartner gesucht, die dem Verein helfen, die Personalkosten zu decken. Das hat geklappt. Zum 1. September kann er eine Kinderkrankenschwester einstellen. Sie wird den ersten Kontakt zu pflegenden Eltern aufnehmen, die um Hilfe bitten. „Nicht für alle Familien sind wir die richtige Hilfe“, erklärt Oeben. Wenn es um Traumata, Palliativ- oder Hospizbegleitung geht, muss der Verein mit Kontakten zu Spezialisten helfen. Wenn es aber um Unterstützung im Alltag geht, vermittelt die Kinderkrankenschwester den Kontakt zu den Ehrenamtlichen.

Es geht primär darum, die Familien zu entlasten.

Thomas Oeben, Gründer von „Dein Nachbar“

„Die ersten Helfer sind bereits für die Betreuung pflegebedürftiger Kinder geschult“, berichtet Oeben. Natürlich ist ihre Hilfe nicht gleichwertig mit professioneller Pflege, betont er. „Es geht primär darum, die Familien zu entlasten.“ Wie die Unterstützung aussehen könnte, besprechen die Helfer und die Familien direkt.

Die Ehrenamtlichen bekommen eine Aufwandsentschädigung für ihre Einsätze. Oder sie können darauf verzichten und Punkte sammeln. Diese Punkte werden auf einem Vorsorgekonto angespart, erklärt Oeben. Bei Bedarf können die Helfer dadurch irgendwann selbst Hilfe in Anspruch nehmen oder sie anderen zur Verfügung stellen. Der Verein kann die Leistungen mit den Pflegekassen abrechnen und die Unterstützung dank des ehrenamtlichen Einsatzes für 17 Euro pro Stunde anbieten. So profitieren alle, betont Oeben.

Er ist überzeugt, dass das neue Konzept schnell angenommen wird. Deutschlandweit werden 190 000 Kinder unter 15 Jahre zu Hause gepflegt. „Sechs Familien haben sich bereits bei uns gemeldet“, erzählt Oeben. Auch Simone Brugger und ihr Mann sind dankbar, dass sie durch diese Hilfe künftig wieder mehr Zeit als Familie haben werden. „Es gibt bisher so wenige Angebote für betroffene Familien“, sagt sie. Dabei seien die so wichtig, damit pflegebedürftige Kinder inklusiv aufwachsen. „Und damit auch die pflegenden Eltern ein Teil der Gesellschaft bleiben können.“

Das Angebot
für pflegende Eltern gibt es bisher für München und das Würmtal. Weitere Infos unter www.deinnachbar.de