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Snowfarming in Oberstdorf: Beitrag zum Klimaschutz oder wie „Champagner in den Gully kippen“?

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Von: Thomas Eldersch

Auf Schnee aus dem vergangenen Jahr können Langläufer jetzt ihre Bahnen ziehen.
Auf Schnee aus dem vergangenen Jahr können Langläufer jetzt ihre Bahnen ziehen. © Angelika Warmuth/dpa/Symbolbild

Schnee einlagern und im nächsten Winter wiederverwenden. Sogenanntes Snowfarming soll nachhaltig sein und Sportler früher wieder auf die Loipe bringen.

Oberstdorf – Die Wintersportsaison steht vor der Tür. Für Profisportler in dem Metier wäre ein Trainingsstart Anfang Dezember allerdings viel zu spät. Sie müssen schon viel früher zurück auf den Schnee. Doch in Zeiten des Klimawandels und der weiter ansteigenden Temperaturen ein schwieriges Unterfangen. Weite Reisen ins Ausland kosten Geld und sind schlecht für die Umwelt. Schneekanonen funktionieren nur bei frostigeren Temperaturen und gehen bei den hohen Energiekosten derzeit ins Geld. Eine Alternative ist Snowfarming. Die Wintersportgemeinde Oberstdorf hat damit jetzt ihre erste Erfahrung gesammelt.

Snowfarming in Oberstdorf: Schnee über den Sommer konservieren

Hinter dem englischen Begriff verbirgt sich nichts anderes als Schnee über einen Sommer zu konservieren. Eine gängige Praxis bei unseren europäischen Nachbarn. So wird diese Technik bereits erfolgreich in Skandinavien, Italien, Schweiz und Slowenien eingesetzt, schreibt der BR. Auch in Ruhpolding wird das Snowfarming bereits erfolgreiche betrieben. Hier werden durchschnittlich jährlich rund 14.000 Kubikmeter Schnee konserviert. Nach jahrelanger Erfahrung schaffe man es hier, dass jeweils nur 25–30 Prozent des Schnees über den Sommer schmelzen und verloren gehen, erklärt Alois Reiter von der Chiemgau Arena dem Bayerischen Rundfunk.

In Oberstdorf (Landkreis Oberallgäu) hat man dieses Jahr mit rund 5000 Kubikmetern angefangen. 40.000 Euro hat das Übersommern gekostet. Es handelt sich dabei um Kunstschnee, der im Januar in den kalten Nächten produziert wurde. Mit einer rund 50 Zentimeter dicken Schutzschicht aus Hackschnitzeln wurde der Schneeberg abgedeckt. Aber das hätte fast nicht gereicht. Wie der BR schreibt, haben sich im Sommer erste Risse aufgetan. Der Lagerort lag täglich mehrere Stunden in der Sonne und eine nahegelegene Rollerbahn strahlte zusätzlich Wärme ab.

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Bund Naturschutz kritisiert das Snowfarming und verweist auf die Kosten

Jetzt Ende November war es endlich kalt genug, die Schutzschicht abzutragen und den Schnee freizulegen. Mit Hilfe von Schneefräsen und Traktoren wurde das weiße Gold auf einer Strecke von 900 Metern verteilt. Rund 3000 Kubikmeter, also 59 Prozent des eingelagerten Schnees, überlebte den Sommer. Nordic Zentrum-Geschäftsführer Florian Speigl: „Die Konsistenz des Schnees ist gut, also optimale Trainingsbedingungen hier für den Stützpunkt in Oberstdorf.“ Und genau darum geht es. Durch den eingelagerten Schnee sollen die heimischen Athleten und Nachwuchssportler möglichst früh im Jahr wieder auf Schnee trainieren können, heißt es beim BR weiter.

Dem Bund Naturschutz gefällt das Konzept allerdings gar nicht. Michael Finger kritisiert, dass hier für eine kleine Zielgruppe ein „absolutes Luxusprodukt“ eingelagert werde. Man könne ja auch einige Wochen warten, bis es das erste Mal schneie. So müsse ein Vielfaches der benötigten Menge produziert und eingelagert werden. Denke man an Energie und Kosten, die durch Produktion, Abdecken, Verteilen und Präparieren des extra dafür hergestellten Kunstschnees verursacht würden, sei das in Zeiten von Klimawandel und Energiekrise für viele, wie „Champagner in den Gully zu kippen – oder eine Ohrfeige ins Gesicht“, so der Umweltschätzer gegenüber dem BR.

Snowfarming ist umweltschonender als in ferne Ski- und Langlaufgebiete zu reisen

Professor Ralf Roth, der an der Deutschen Sporthochschule in Köln zum Thema nachhaltiger Sportentwicklung forscht, ist anderer Meinung. Er hält das Übersommern für einen früheren Trainingsstart für Athleten und Nachwuchssportler aus energetischer Sicht für vertretbar. Denn so müssen die Sportler keine Reisen ins Ausland oder auf Gletscher unternehmen. „Etwa 70 Prozent des CO₂-Fußabdruckes erfolgen durch An- und Abreise. Also im touristischen Bereich, aber auch im Spitzensport-Sektor. Das heißt, die Reduzierung von Fahrten ist sozusagen in diesem Bereich der Treibhausgasemissionen der entscheidende Faktor.“ Deshalb ist für ihn Snowfarming sogar Umweltschutz. (tel)