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Entsetzen über illegal zerstörten Wildbach im Allgäu: Bauern sollen Ökosystem „massiv geschädigt“ haben

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Von: Carina Zimniok

Das Foto zeigt den vom Bund Naturschutz in Bayern (BN) dokumentierten Zustand des Wildbaches nach den Arbeiten
„Es blutet einem das Herz“, sagt Richard Mergner, Vorsitzender des Bund Naturschutz, über den jetzigen Zustand des Rappenalpbachs. © Udo Schmitz/Bund Naturschutz in Bayern/BN/dpa

Bauern sollen einen streng geschützten Wildbach im Allgäu illegal begradigt haben. Die Staatsanwaltschaft prüft den Fall, Umweltschützer haben Anzeige erstattet.

München – Durch den südlichsten Zipfel Deutschlands, nicht weit von Oberstdorf, plätschert der Rappenalpbach. Ein verzweigter Bach in einem „sehr guten ökologischen Zustand“, wie das in der europäischen Wasserrichtlinie heißt. Das ist selten, sehr selten. Thomas Frey vom Bund Naturschutz im Allgäu kennt nur eine Handvoll Gewässer, bei denen das auch so ist. Doch der Rappenalpbach sieht auf 1,6 Kilometern Länge nicht mehr so aus wie noch vor ein paar Wochen. Mit schwerem Gerät wurde er ausgebaggert, mit Kies aufgefüllt, begradigt. Zerstört. Der Wildbach ist jetzt ein Kanal. „Da ist alles tot“, sagt Frey. Was ist dort passiert?

Franziska Springer, Sprecherin im Landratsamt Oberallgäu, sagt: „Das fragen wir uns auch.“ Ein Gewässerabbau, wie er dort durchgeführt wurde, „wäre nie genehmigt worden“. Die Gegend ist hochsensibel: Naturschutzgebiet, Vogelschutzgebiet, Fauna-Flora-Habitat, geschütztes Biotop – einen strengeren Schutz durch nationale und europäische Gesetze und Richtlinien gibt es kaum.

Entsetzen über zerstörten Wildbach im Allgäu: Landratsamt stoppte die Bagger am Wildbach

Im Oktober entdeckte Alfred Karle-Fendt von der BN-Kreisgruppe den Frevel. „Am dramatischsten ist die Zerstörung der Bachsohle“, sagt er. „Gewässerkleinlebewesen wie Würmer, Schnecken, Muscheln sowie Krebstiere sind vollständig verschwunden.“ Er habe Steine umgedreht – keine Larvenreste mehr. Seltene Arten wie die alpine Steinfliege, Köcherfliege oder Thymian-Ameisenbläuling seien vernichtet worden. „Auch der Alpensalamander ist sicher bei den Baggerarbeiten getötet worden.“ Der Umweltschützer informierte das Landratsamt, die Behörde stoppte die Bagger. Sonst wäre es wohl nicht bei den 1,6 Kilometern geblieben. Die Aufregung vor Ort ist seither groß. Denn unter Verdacht steht eine örtliche Alpgenossenschaft – also ein Zusammenschluss von Alpbauern.

Die Landwirte hatten im August mit Vertretern des Landratsamts einen Ortstermin, bei dem es um „vereinzelte, punktuelle Gewässerunterhaltungsmaßnahmen“ ging. Die seien nötig gewesen, sagt Sprecherin Springer, weil Hochwasser Kies und Geröll aus dem Bach auf die angrenzenden Weideflächen gespült hatte. Wie aus kleineren Korrekturen eine Kanalisierung wurde, ist bislang unklar. Die Alpgenossenschaft äußert sich nicht. BN-Experte Frey geht davon aus, dass der Bach begradigt wurde, um zusätzliche Weideflächen entlang des Gewässers zu gewinnen. Hinter vorgehaltener Hand heißt es, dass nicht alle Bauern hinter der Maßnahme stehen. Zumal es jetzt um die juristischen Konsequenzen geht.

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Umweltfrevel im Allgäu: Ökosystem für seltene Tier- und Pflanzenarten „massiv geschädigt“

Der Landesbund für Vogelschutz (LBV) gab am Dienstag bekannt, dass er bei der Staatsanwaltschaft Kempten Strafanzeige gegen die Zerstörung gestellt hat. „Der Eingriff hat den betroffenen Teil des Bachs über Jahre, wenn nicht Jahrzehnte massiv geschädigt. Seltene Tier- und Pflanzenarten haben hier ein bedeutendes Ökosystem verloren“, heißt es beim LBV. Mit der Anzeige wolle man ein Zeichen setzen. Nötig wäre sie nicht – denn der Fall liegt schon bei der Staatsanwaltschaft Kempten. Wie ein Sprecher sagt, laufen Vorermittlungen – es wird also geprüft, ob ein Straftatbestand vorliegt.

Auch die Politik ist alarmiert. Die Landtags-Grünen fordern „umfassende Aufklärung“, die Fraktion stellt heute einen Dringlichkeitsantrag. Umweltminister Thorsten Glauber (Freie Wähler) hat sich am Dienstag eingeschaltet, den Fall zur Chefsache gemacht. Heute fährt er zum Ortstermin, schaut sich den Bach an, die Oberallgäuer Landrätin wird dabei sein. „Wir nehmen den Fall sehr ernst“, sagt ein Ministeriumssprecher. „Das Umweltministerium erwartet einen konsequenten Vollzug des geltenden Rechts.“

Eine Ordnungswidrigkeit wird mit bis zu 50.000 Euro geahndet. Eine kleine Summe im Vergleich zu dem, was es wohl kosten wird, den Rappenalpbach wieder in seinen alten Zustand zu versetzen. Das fordern nämlich alle Umweltschutzverbände und auch das Umweltministerium.

Zuletzt erforderte ein Vermisstenfall im Bayerischen Allgäu Hilfe aus der ganzen Region: Ein 57-jähriger Mann stürzte wohl 100 Meter in die Tiefe.