Branche mit Problemen

Der Nachwuchs fehlt: Bayern gehen die Fahrlehrer aus

+
Erfahrene Fahrlehrer, die zur Not auch mal ins Lenkrad greifen, gibt es viele. Aber einige von ihnen gehen bald in den Ruhestand – und der Nachwuchs fehlt.

Heute gibt es in Bayern über 1000 Fahrlehrer weniger als vor zehn Jahren. Die Branche ist überaltert und findet kaum Nachwuchs. Eine Gesetzesänderung erleichtert seit Jahresbeginn den Berufseinstieg. Ob sie den Trend stoppen kann, ist aber ungewiss.

München– Martin Hunger weiß, wo die Entwicklung enden kann: „Ich höre immer wieder, dass Fahrschulen schließen, weil sie keine Fahrlehrer mehr finden.“ Hunger betreibt selbst eine Fahrschule in Holzkirchen (Landkreis Miesbach). Ans Zusperren denkt er nicht, doch er würde gerne noch jemanden einstellen. Aber wen?

Martin Hunger vom Münchner Verkehrsinstitut.

So wie Hunger geht es 60 Prozent aller bayerischen Fahrschulen. Sie suchen aktuell einen oder sogar mehrere Fahrlehrer. Doch es gibt immer weniger von ihnen. Waren es im Jahr 2008 noch rund 9100, sind es heute über 1000 weniger. „Und wir steuern noch weiteren Problemen entgegen“, sagt Hunger. „Viele Fahrlehrer gehen in den nächsten Jahren in Ruhestand.“ Die Branche ist überaltert: Fast die Hälfte der Menschen, die anderen das richtige Verhalten im Verkehr beibringen, ist über 56 Jahre alt. Alleine 1400 Fahrlehrer in Bayern sind über 66. Diese Tatsache ist schwer zu kompensieren, betont Hunger: „Denn wir haben ein echtes Nachwuchsproblem.“

Der Giesinger kennt sich aus. Er sitzt im Vorstand der Bundesarbeitsgemeinschaft der Fahrlehrerausbildungsstätten und ist Geschäftsführer des Münchner Verkehrsinstituts, einer der wenigen zentralen Ausbildungsstätten im Freistaat. Bis vor wenigen Jahren spülte die Bundeswehr noch jede Menge Fahrlehrer auf den Markt. Etwa 20 Prozent von allen, schätzt Hunger. „Aber sie hat die Ausbildung drastisch zurückgeschraubt.“ Zwölf Monate dauert es mindestens, bis Fahrlehrer ihrem Beruf nachgehen können – acht davon verbringen sie zum Beispiel am Münchner Verkehrsinstitut, vier für den praktischen Teil an ihrer Fahrschule.

Lesen Sie auch: Mangel auch im Tölzer Land: Fahrlehrer verzweifelt gesucht

Ein klassischer Ausbildungsberuf ist das nicht, sondern einer für Quereinsteiger und Umgeschulte. Jürgen Kopp, Vorsitzender des Landesverbands Bayerischer Fahrlehrer, sieht darin das Grundproblem: „Wir können keine jungen Leute von der Schule akquirieren.“ Doch genau das müsse man möglich machen. Eine Herausforderung: Denn Fahrlehrer kann man erst ab 22 Jahren werden, eine weitere Voraussetzung ist eine abgeschlossene Lehre oder Abitur. Kopps Vorschlag: ein kombiniertes Berufsbild, in dem Bürokaufleute den Fahrlehrer in einem Zug oben drauf setzen können.

Auf kurze Sicht realistischer sei es, den Zugang zu Fördertöpfen zu erleichtern. Denn die Ausbildung ist teuer: Am Münchner Verkehrsinstitut kostet sie rund 11 700 Euro. Immer mehr Fahrschulen übernehmen die Gebühren ganz oder teilweise. Fördermöglichkeiten sind zum Beispiel das Aufstiegs-BAföG oder die Bildungsgutscheine der Arbeitsagentur. Ein weiterer Anreiz: Mit 200 Unterrichtseinheiten im Monat könne man auf 3600 Euro brutto kommen, rechnet Hunger grob vor. Das Gehalt sei deutlich besser als vor zehn Jahren.

Lesen Sie auch: Fahrschüler wird bekifft am Steuer erwischt - die Folgen für ihn sind fatal

Die Probleme nur auf die Politik schieben möchte der Ausbilder nicht. Fahrschulen müssten selbst aktiver um Nachwuchs werben. Haben die Verantwortlichen die negative Entwicklung in den vergangenen Jahren selbst ein bisschen verschlafen? Diese Fragen verneint weder Hunger noch Kopp. Ihre Hoffnung beruht nun auf einer Gesetzesänderung: Seit Jahresbeginn sind der Lkw- und der Motorradführerschein nicht mehr nötig, um Menschen das Autofahren zu lehren. „Das hat neuen Schwung gebracht. Heuer und für nächstes Jahr sind die Ausbildungsplätze gefragt“, sagt Hunger. „Aber das ist vorerst eine Momentaufnahme.“

Quelle: Merkur.de