Interview 

Oberrabbiner Goldschmidt zu Antisemitismus: „Sich zu verstecken, ist keine Lösung“

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Pinchas Goldschmidt bei seinem Besuch in der Münchner Redaktion. 

Im Interview mit unserer Zeitung bezog Oberrabbiner Pinchas Goldschmidt Stellung zu aktuellen Herausforderungen und Problemen wie dem  in Europa oder der kulturellen und religiösen Verständigung.

Oberrabbiner Pinchas Goldschmidt steht im engen Austausch mit Kardinal Reinhard Marx – und ähnlich wie er hat Goldschmidt, der als Rabbiner in Moskau wirkt und dort auch wohnt, zahlreiche internationale Funktionen inne. Unter anderem ist er Präsident der Konferenz der europäischen Rabbiner. In dieser Funktion besuchte Goldschmidt, der als gebürtiger Schweizer gut Deutsch spricht, kürzlich München – und auch unsere Redaktion.

Herr Oberrabbiner, Antisemitismus in Europa nimmt zu. Wie erleben Sie das in Moskau?

Antisemitismus nimmt zu, das stimmt. Er ist aber in Russland sehr viel weniger virulent als in Westeuropa. Vielleicht liegt das auch daran, dass das Leben in Russland generell kontrollierter ist. Wichtig ist aber immer, wie sich der Staat, die Politik, die Justiz gegen Judenhass aufstellen. Der politische Wille ist entscheidend, Gesetze auch anzuwenden.

Drei Strömungen verantwortlich für Antisemitismus

Wer sind die Hauptakteure bei der Verbreitung von Antisemitismus?

Da gibt es drei Strömungen: den islamischen Terrorismus, die extreme Rechte und die antizionistische Linke. Die Bedrohungen durch einen fanatisierten Islamismus dürfte ja bekannt sein. Ich darf daran erinnern, dass er sich gezielt auch gegen jüdische Gemeinden gerichtet hat, zum Beispiel gab es den Anschlag gegen die jüdische Schule in Toulouse 2012 oder auch die Geiselnahme in einem Supermarkt für koschere Waren 2015 mit vier Toten – verübt nur Stunden nach dem Anschlag auf die Satirezeitung Charlie Hebdo. Und das sind nur zwei von vielen derartigen Attentaten.

Virulent ist in jüngster Zeit zudem die extreme Rechte. Wie sehen Sie das?

Wir haben durch sie ein wirkliches Problem mit der Einschränkung der Religionsfreiheit bekommen. Das sorgt mich fast noch mehr als der Islamismus. Maßnahmen, die sich primär gegen die muslimische Einwohnerschaft wenden sollen, betreffen neuerdings auch die jüdischen Gemeinden. Zum Beispiel gibt es in Europa eine neue starke Strömung, die das religiöse Schlachten und den Bezug von koscherem Fleisch einschränken will. Im belgischen Flandern und der Wallonie etwa ist das Schächten seit Anfang dieses Jahres verboten. Das hat aber nichts mit Tierschutz zu tun, sondern mit einer Politik gegen Einwanderung. In Sachsen verbreitet die AfD Flugblätter mit ihrem Parteiprogramm – sie will ein Verbot von Beschneidungen und des religiösen Schlachtens. Ähnliche Diskussionen gibt es in Österreich und Frankreich.

Würden Sie sagen, dass die AfD antisemitisch ist?

Nicht jedes Mitglied ist antisemitisch, aber es gibt in dieser Partei sehr ernst zu nehmende antisemitische Flügel.

Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, warnte kürzlich vor dem Tragen der Kippa.

Dem kann ich nicht zustimmen. Sich zu verstecken, ist keine Lösung. Wenn man sich versteckt, kann man den Antisemitismus doch nicht besiegen. Dann haben die anderen gewonnen. Wollen wir das? Nein! Aber klar: In Moskau fühle ich mich heutzutage als Jude sicherer als etwa in bestimmten Stadtvierteln von Paris oder Brüssel. In München gibt es keine Probleme.

Statistik zeigt, dass die Zahl der Juden in Europa abnimmt

In Frankreich gab es einen Massenexodus von Juden nach Israel. Fühlen sich die Juden auch in anderen Ländern nicht mehr sicher?

Die Statistik zeigt, dass die Zahl der Juden in Europa abnimmt, von zwei auf 1,6 Millionen in den vergangenen 20 Jahren. Das liegt natürlich auch am Antisemitismus. Nur in Deutschland und kurioserweise in Monaco nimmt ihre Zahl zu. In Deutschland gibt es rund 200 000 Juden, das liegt am Zuzug aus Osteuropa, vor allem Russland.

Beunruhigt Sie die antizionistische Bewegung „Boycott, Divestment, Sanctions“, kurz BDS?

Der BDS ist schwächer als viele meinen. Richtig aber ist, dass es beispielsweise in Großbritannien in der Labour Party eine starke antiisraelische Stimmung gibt Da wird unter dem Vorwand von Israel-Kritik Hass auf Juden geschürt. Im Mai hat der Bundestag eine Entschließung gegen die BDS-Bewegung verabschiedet. Das finde ich vorbildlich, es sollte in Europa Schule machen, ebenso wie die neue Antisemitismus-Definition der International Holocaust Remembrance Alliance, die erstmals auch bestimmte Formen von Israel-Kritik als antisemitisch auffasst.

Sie pflegen regen Austausch mit Kardinal Reinhard Marx. Haben Sie auch Kontakte zu Vertretern des Islam?

Wir wenden uns nicht gegen den Islam, sondern nur gegen den radikalisierten Islam. Seit 2016 gibt es den Muslim Jewish Leadership Council, mit dieser Gründung wollen wir den Dialog vorantreiben. In Bayern unterstützt das zum Beispiel Imam Idriz aus Penzberg. Der Dialog muss beginnen. Angesichts der zunehmenden Polarisierung in Gesellschaft, Politik und Religion war die Notwendigkeit für kulturelle und religiöse Verständigung noch nie so groß wie heute, um für ein friedliches Miteinander aktiv einzutreten.

Als Rabbiner ist Ihre Hauptaufgabe die Glaubensvermittlung. Gibt es in Deutschland eine Hinwendung zum Judentum?

Nach meiner Beobachtung ist die Jugend religiöser, als es die Eltern oder Großeltern waren. Das ist eine gute Nachricht. Das liegt zum Teil auch an der sehr erfreulichen Entwicklung der jüdischen Schulen in Deutschland – in München etwa ist jetzt ein jüdisches Gymnasium entstanden, das genauso auch nicht-jüdischen Kindern offen steht. Die jüdische Schule ist für uns ein ganz wichtiger Teil des jüdischen Gemeinschaftslebens – gerade, weil viele Gemeindemitglieder säkular erzogen werden und nicht unbedingt jedes Mal am Shabbat in die Synagoge gehen.

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Quelle: Merkur.de