Kein Stoff da

Manche drohen, andere weinen: Leiterin von Corona-Impfzentrum über Telefonseelsorge und Terminabsagen

Leere Impfzentren: Weil diese Woche kein Impfstoff geliefert wurde, mussten alle Termine abgesagt werden (Symbolbild)
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Leere Impfzentren: Weil diese Woche kein Impfstoff geliefert wurde, mussten alle Termine abgesagt werden (Symbolbild).

Das Liefer-Chaos um den Corona-Schutz stellt die Impfzentren vor eine große Herausforderung. In Pfaffenhofen spricht die Zuständige über den Schwund des Vertrauens in die Regierung.

  • Viele Menschen wünschen sich sehnlichst eine Corona-Impfung, müssen aktuell jedoch vertröstet werden.
  • Die Leiterin des Impfzentrums in Pfaffenhofen schildert, mit welchen Herausforderungen derzeit zu kämpfen ist.
  • Enttäuschte Bürger weinen, während das Vertrauen in die Bundesregierung immer mehr schwindet.

Pfaffenhofen – Andrea Hainzinger vom Bayerischen Roten Kreuz leitet das Impfzentrum in Pfaffenhofen. Sie und ihre Kollegen haben die vergangenen Tage nicht wie geplant mit Corona-Impfungen verbracht – sondern damit, Termine abzusagen, weil kein Impfstoff geliefert wurde. Die Reaktionen sind emotional. Viele Menschen brechen in Tränen aus – und einige bedrohen die Impf-Helfer.

Corona: Probleme mit Lieferung von Impfstoffen - „Verständnis für Regierung überhaupt nicht mehr da“

Wann haben Sie erfahren, dass diese Woche kein Impfstoff geliefert wird?
Die E-Mail habe ich Sonntag in der Früh bekommen. Wir mussten für diese Woche rund 600 Termine absagen.
Wie reagieren die Menschen, wenn sie die Absage bekommen?
Das ist sehr unterschiedlich. Die meisten sind zurückhaltend uns gegenüber. Sie verstehen, dass wir nichts dafür können. Aber das Verständnis für die Regierung ist überhaupt nicht mehr da. Einige mussten wir jetzt schon zum zweiten Mal anrufen, um den Termin zu verschieben, weil uns die Regierung falsch beliefert hatte. Die Termine sind diesmal nicht nur verschoben, sondern wirklich abgesagt. Denn wir haben keine Ahnung, wann die nächste Lieferung kommt. Wir können gerade überhaupt nicht planen. Es gibt einige, zum Glück wenige, die uns wirklich wild beschimpfen und sogar bedrohen. Es gibt aber auch Menschen, die wirklich enttäuscht sind und sogar weinen. Angehörige, die Angst um ihre Eltern oder Großeltern haben. Aber auch Senioren, die seit Monaten einsam leben und so darauf hoffen, dass sie endlich wieder Menschen sehen dürfen
Andrea Hainzinger, Leiterin des Impfzentrums in Pfaffenhofen.

Pfaffenhofen: Kein Impfstoff erhältlich - Seelsorgearbeit für Bürger, die warten müssen

Können Sie diese Enttäuschung auffangen?
Das ist inzwischen unser Alltag. Bei vielen Terminabsagen oder wenn wir Impftermine nicht vergeben können, müssen wir auch immer etwas Seelsorgearbeit leisten. Deshalb ist die Hotline oft völlig überlastet. Dann kommen Personen nicht mehr durch, die eine Frage zu ihrer Zweitimpfung haben. Und es hagelt Beschwerden beim Landratsamt.
Haben Sie die Sorge, dass die Impfbereitschaft durch diese Probleme zurückgehen wird?
Ein Stück weit ja. Wir haben von einigen Menschen bereits die Rückmeldung bekommen, dass sie nicht mehr angerufen werden wollen, es habe sich erledigt. Das sind zwar noch wenige. Aber wenn die Impfungen auch auf lange Sicht nicht planbar sind oder die Leute das Gefühl haben, sie werden hingehalten, könnten es mehr werden. Und wir können nicht ausschließen, dass es noch häufiger zu Lieferproblemen kommen könnte.
Wie groß ist der Frust bei Ihren Mitarbeitern?
Der wird natürlich auch größer. Weil sie jetzt den ganzen Ärger abkriegen. Außerdem sind sie hier, um die Impfungen voranzutreiben. Jetzt stehen sie im Impfzentrum und können nichts tun, weil kein Impfstoff da ist.
Wissen Sie, wann die nächste Lieferung kommt?
Wir haben heute die Ansage bekommen, dass am Freitag eine Lieferung kommt – zum Teil mit dem Impfstoff für die Zweitimpfungen. Aber auch mit einem geringen Teil Erstimpfungsdosen. Wir sind jetzt wegen eines Lieferfehlers schon zweimal reingefallen. Deshalb sind wir inzwischen sehr vorsichtig, mit der Terminausgabe, was diese wenigen Dosen angeht.
Sollten sie kommen, müssen sie aber schnell verimpft werden...
Das ist richtig. Wir haben alle, denen wir jetzt absagen mussten, bei uns im System. Sollte es doch Impfstoff geben, rufen wir nochmal an. Aber dann brauchen wir natürlich auch wieder mehr Personal.

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Wie geht es für die Menschen weiter, deren Termin jetzt ausgefallen ist?
Wir haben alle direkt in dem neuen Impfportal für Impfungen angemeldet. Außerdem haben wir alle Namen und Nummern abgespeichert, damit wir sie vorrangig benachrichtigen und dann impfen können, bevor die Software Termine an die Über-80-Jährigen vergibt. Wir impfen bei uns im Landkreis aktuell noch die Über-85-Jährigen. Unter den Absagen sind aber auch Menschen, die schon über 90 sind.
Können Sie nachvollziehen, dass es noch so viele Probleme gibt?
Mittlerweile fehlt mir das Verständnis dafür. Klar ist eine Impfaktion dieser Größenordnung für alle das erste Mal. Aber es gibt auch Abfragen von der Regierung, die mich wirklich wundern. Zum Beispiel wollten sie jetzt wissen, wie viel Impfstoff wir schon bekommen haben – obwohl wir bisher alle Lieferscheine einscannen und schicken mussten. Da bekommt man schon manchmal das Gefühl, dass sie nicht wirklich den Überblick haben.
Was denken Sie darüber, dass einige Politiker bereits eine Impfpflicht-Debatte angestoßen haben?
Dafür gibt es gerade überhaupt keine Diskussionsgrundlage. Solange der Impfstoff nicht permanent lieferbar ist, braucht man über eine Impfpflicht nicht nachdenken.

Interview: Katrin Woitsch