Die zwei Seiten der Prokrastination

Aufschieben ist nicht nur schlecht - Gastkolumne von Susanne Breit-Kessler*

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Susanne Breit-Keßler war evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern, künftig übernimmt sie den Vorsitz des neuen bayerischen Ethik-Rates.

Prokrastination heißt Aufschieben. Man drückt sich vor notwendigen und unangenehmen Arbeiten, statt sie zügig zu erledigen. Etwas aufzuschieben, ist aber nicht nur schlecht.

Prokrastination ist ein schönes Fremdwort für kompliziertes Verhalten. Prokrastination heißt Aufschieben. Man drückt sich vor notwendigen und unangenehmen Arbeiten, statt sie zügig zu erledigen. Wäsche waschen und bügeln? Später. Statt die Steuererklärung zu machen wird das Bad geputzt. Den Brief an den Vermieter wegen der kaputten Heizung schreibt man gar nicht, man kann ja auch Tante Sophie anrufen, den Müll runterbringen oder die Mails checken.

Es leuchtet ein, dass man sich auf diese Weise in erhebliche Schwierigkeiten bringen kann. Immer alles auf den letzten Drücker oder gar nicht zu erledigen, macht das Leben nicht eben leichter. Viele Menschen schämen sich für ihre Aufschieberitis und leiden unter den Nachteilen aller Verzögerungen, die sie verursachen. Weil ihre guten Vorsätze immer wieder scheitern, holen sich manche psychologische Hilfe. Sie lernen, ihre Arbeit angenehm zu portionieren.

Wer es übertreibt, kommt nie zur Ruhe

Der präkrastinative Typ freut sich über so viel Aufgaben wie es nur geht, damit er sie so schnell wie möglich erledigen kann. Das klingt eindrucksvoll, wirkt hoch motiviert und sehr produktiv, ist es aber nur bedingt. Denn wer quasi auf der Lauer liegt, um sich nur ja keine Herausforderung entgehen zu lassen, der ist gerne mal ziemlich gestresst oder verpasst vor lauter Euphorie festzulegen, was die größte Priorität hat und was nachrangig behandelt werden kann.

Etwas aufzuschieben, sich mit anderem zu beschäftigen, ist nicht nur schlecht. Wer eigentlich kreativ sein möchte, aber auf einmal nicht mehr weiterkommt, tut eben anderes und merkt: Geistreich ist man nicht nur an einem Ort. Manchmal muss man aufstehen, in Bewegung geraten und sich woanders von der Inspiration erwischen lassen: beim Spazierengehen oder Teetrinken, beim Betrachten von Wolken oder dem prosaischen Auswischen vom Kühlschrank.

Neu Sortieren in Corona-Zeiten

In Corona-Zeiten kann man sich neu sortieren. Vieles muss endlich getan werden, anderes darf noch ein Weilchen liegenbleiben. Nur eines sollte man prinzipiell nie aufschieben: Eine gute Zeit zu genießen – allein oder mit denen, die einem lieb sind. Wer etwa in diesen Monaten seine Urlaubsbilder sortiert oder nur sehnsüchtig anschaut, der weiß, wie klug er war. Was man genossen hat, kann einem keiner nehmen. Wenn das momentan unmöglich Schöne wieder möglich ist: Tun, nicht lassen.

*Susanne Breit-Keßler war evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern, künftig übernimmt sie den Vorsitz des neuen bayerischen Ethik-Rates.

Quelle: Merkur.de