Die Leidenschaft für Kreuzworträtsel

Warum wir das Rätseln lieben

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Beschäftigung mit 15 Buchstaben: Kre uzworträtsel sind sehr beliebt. Und ein hervorragendes Gehirntraining.

Kreuzworträtsel waren immer beliebt und werden es wohl immer sein. Kein Computerspiel kann das Grübeln über Gottheiten und Schweizer Kantone ersetzen, glaubt Rätsel-Spezialist Hubert Witte. Doch erst neulich musste er zwei Begriffe aus seiner Datenbank löschen. Denn ganz so zeitlos sind Kreuzworträtsel eben doch nicht.

Victoria Eugénie von Battenberg ist am Ende immer die Rettung. Denn die deutsch-britische Prinzessin und spätere Königin von Spanien wurde Ena genannt. Ein ganz hervorragender Name – zumindest aus Sicht von Hubert Witte. Der ist seit Jahrzehnten Rätselspezialist. Er entwirft in seiner Manufaktur in Melle bei Osnabrück Rätsel aller Art und beliefert damit Zeitungen und Zeitschriften in ganz Deutschland. Auch unsere Zeitung. Und als Rätsel-Macher hat man nun mal eine besondere Vorliebe für kurze Namen mit vielen Vokalen.

Doch Witte kennt sich nicht nur mit Königin Ena gut aus. Sondern auch mit allerhand Gottheiten, Pflanzen, Abkürzungen, Flüssen oder Städten. Als Kreuzworträtsel-Macher entwickelt man zwangsläufig eine Menge Nischenwissen, sagt er. Andererseits muss man auch viel Zeit investieren, um dieses Wissen tagesaktuell zu halten. „Die Rätsel sind inzwischen relativ einfach mit einem Computerprogramm zu bauen“, erklärt Witte. „Aber es ist sehr viel Arbeit, die Datenbanken dafür zu pflegen und zu aktualisieren.“ Ständig kommen neue Begriffe dazu, Lebensdaten müssen aktualisiert werden – und manchmal muss er auch Begriffe löschen. Neulich zum Beispiel: Indianer und Eskimo sind ersatzlos rausgefallen. „Wegen der Rassismus-Debatte in den USA“, erklärt Witte. Die hatte Auswirkungen bis in die Kreuzworträtsel-Manufakturen. „Es kamen einige aufgebrachte Anrufe“, erzählt er. Ganz nachvollziehen konnte er das nicht. Trotzdem erspart er sich diesen Konflikt lieber künftig – und fragt nicht mehr nach amerikanischen Ureinwohnern.

Das Rätseln ist nun mal eine leidenschaftliche Angelegenheit. Keiner weiß das so gut wie Hubert Witte. Schließlich hat er aus seiner Begeisterung einen Beruf gemacht. „Als Kind habe ich immer beobachtet, wie meine Eltern Kreuzworträtsel machten“, erzählt er. Dann hat er es selbst einmal probiert. Und wurde schnell besser – und schließlich zu gut. „Die Rätsel sind mir irgendwann zu langweilig geworden. Also habe ich versucht, selbst eines zu machen.“ Damals war er 23. Rund drei Stunden lang bastelte, grübelte und blätterte er. Dann war sein erstes Rätsel fertig.

Menschen Grübeln von Natur aus gerne, sagt Hirnforscher Ernst Pöppel

Wie viele inzwischen gefolgt sind, ist eine Frage, die nicht einmal der Alleswisser Hubert Witte beantworten kann. Seit mehr als zwei Jahrzehnten macht er beruflich nichts anderes mehr. „Ein Duden liegt immer noch auf meinem Schreibtisch“, sagt er. Aber die dicken Lexika sind längst durch eine praktischere Online-Version ersetzt. Und Kleber und Schere durch das Computer-Programm.

Trotzdem wird ein Rätsel-Spezialist niemals arbeitslos. Schon gar nicht in Zeiten einer Pandemie. Gerätselt wird in Deutschland hemmungslos gerne – und das am liebsten ganz altmodisch mit Stift und Papier. Aus wissenschaftlicher Sicht ist das kein bisschen seltsam. „Menschen sind eben kreative Wesen“, sagt der Hirnforscher Ernst Pöppel aus Pullach (Kreis München). „Wir sind von Neugier getrieben, das Grübeln liegt sozusagen in unserer Natur“, erklärt er weiter. Das Gehirn fordere das sogar. „Das lässt sich gut bei Kindern beobachten“, sagt Pöppel. Denn sie stellen den ganzen Tag Fragen. Im Laufe des Lebens werde diese natürliche Neugier immer mehr abtrainiert. „Rätsel helfen uns dabei, sie wieder zu entdecken“, erklärt Pöppel.

Deshalb ist nicht einmal jemand wie Hubert Witte immun gegen das Kreuzworträtseln. Obwohl er den ganzen Tag Rätsel kreiert, kommt es dennoch hin und wieder vor, dass er in seiner Freizeit selbst eines löst, verrät er. Verzweifeln tut er dabei allerdings selten. Dafür kennt er sich mit Flussnamen und Adligen einfach inzwischen zu gut aus.

Für alle, die sich nicht täglich mit der spanischen Königin Victoria Eugénie von Battenberg beschäftigen, ist das Rätsel lösen allerdings mehr als ein Zeitvertreib, erklärt der Psychologie-Professor Pöppel. „Das ist ein ganz hervorragendes Gehirntraining. Und ein Rätsel gelöst zu haben, ist immer mit Freude verbunden. Das ist also ein ganz hedonistischer Zug des Menschen.“

Allerdings, so betont er, liegen Rätseln und Verzweifeln sehr nah beieinander. Das ist ihm erst neulich wieder aufgefallen, als sein achtjähriger Enkel ihn mit einem Rätsel konfrontiert hat: Wie lässt sich ein Viereck mit einer Geraden in drei Dreiecke teilen? Pöppel hat das Rätsel inzwischen gelöst. Aber die Antwort verrät er nicht – schließlich weiß er ja zu gut, wie gerne Menschen grübeln.

Quelle: Merkur.de