Zwölf Operationen später

Tragischer Unfall an bayerischem Badesee: Junge verliert bei Sprung Arm - So geht es ihm heute

Die Unfallstelle in Raubling: Der Teenager wollte von diesem Baum in den See springen. Dabei wurde ihm der Unterarm abgetrennt.
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Die Unfallstelle in Raubling: Der Teenager wollte von diesem Baum in den See springen. Dabei wurde ihm der Unterarm abgetrennt.

Ein Tag am Badesee endete für einen 14-Jährigen aus Raubling in Bayern tragisch: Er verlor bei einem Unfall den Arm. Was aus ihm geworden ist, ist ein kleines Wunder.

  • Bei Raubling (Landkreis Rosenheim) verlor ein 14-Jähriger im Sommer 2019 einen Arm.
  • Bei dem grausigen Unfall sprang er von einem Seil in einen Badesee. 
  • Inzwischen gibt es eine Debatte um derartige Schwungseile - und der Junge kämpft sich zurück ins Leben.

Raubling Die Saison* an den Badeseen läuft, auch für Lukas (Name geändert) aus Raubling (Kreis Rosenheim). „Ihm geht es super. Mein Sohn fährt wieder Rad und geht auch schon schwimmen“, erzählt seine Mama. Das ist ein kleines Wunder. Denn Lukas, inzwischen 14, ist jener Bub, der im Sommer 2019 am Hochstraßer See bei Raubling einen so unfassbaren Badeunfall erlitten hat, dass deutschlandweit darüber berichtet wurde.

Tragischer Unfall an bayerischem Badesee: Junge verliert bei Sprung Arm - So geht es ihm heute

Es ist der 25. Juli 2019, der vorletzte Schultag. Der 13-Jährige verfängt sich beim Sprung von einem Baum ins Wasser so unglücklich im Schwungseil, dass es ihm den rechten Unterarm abtrennt. Münchner Ärzten gelingt es, den Arm in einer zehnstündigen Operation anzunähen. Doch der rechte Unterarm ist nun fünf Zentimeter kürzer als der linke, und die Wahrscheinlichkeit, dass er wieder anwächst, schätzen die Spezialisten damals auf höchstens 20 Prozent.

Tragischer Unfall in Raubling/Bayern: Bürgermeister fährt „Null-Seil-Toleranz“

Fast ein Jahr ist seither vergangen. Auch im Badesommer 2020 hängen die ersten Schwungseile an den See-Ufern. Doch so manchem überkommt bei ihrem Anblick ein mulmiges Gefühl, so etwa Raublings Bürgermeister Olaf Kalsperger. Als er erfährt, dass an der Unfallstelle erneut ein Seil hängt, schickt er Bauhofmitarbeiter los: Das Seil muss weg! Dabei haftet die Gemeinde nicht für die Unfallstelle, sie befindet sich auf Privatgrund. „Das Unglück des Buben ist uns allen sehr nah gegangen – und ein schwerer Unfall ist ein Unfall zu viel“, begründet Kalsperger die „Null-Seil-Toleranz“. Die Bauhofmitarbeiter finden allerdings kein Seil am Hochstraßer See. Vermutlich haben es Jugendliche wieder mitgenommen.

Mit Lukas’ Pech und den möglicherweise gefährlichen Seilschaften am Hochstraßer See befasste sich im Sommer 2019 auch die Kripo. Die Ermittler werteten das Unglück als „tragischen Unfall“, niemand trage Schuld. Riccardo Giunta, Leiter des Hand-Trauma-Zentrums an der Ludwig-Maximilians-Universität, gehört damals zum Ärzteteam, das dem Raublinger Buben den knapp unterhalb des Ellbogens abgetrennten Arm in der Haunerschen Kinderklinik wieder annäht. Als Unfallspezialist hat er es oft mit abgerissenen Extremitäten zu tun, meistens die Folge von Arbeitsunfällen mit Maschinen wie Sägen oder Häckslern. „Dass sich ein Kind beim Baden ein Körperteil abgerissen hat, das habe ich in 25 Jahren Unfallchirurgie noch nicht erlebt.“ Der Spezialist warnt nach Lukas’ Unfall davor, sich Sprungseile oder Hundeleinen ums Handgelenk zu wickeln. Doch dieser Rat hätte dem Buben nicht geholfen.

Raubling/Bayern: Eltern des verunglückten Jungen sammeln 17.000 Euro Spenden

Lukas wickelt sich das Seil gar nicht um den Arm, er packt es nicht einmal. Er springt quasi freihändig ein letztes Mal in den See, bevor es ans Heimradeln geht. Vermutlich verfängt sich der rechte Arm im Flug im hängenden Seil. Seine beiden Freunde sind gerade mit dem Einpacken der Matten und Handtücher beschäftigt. Als Lukas Augenblicke später auftaucht, fehlt sein rechter Unterarm. Der Schreck ist groß. Zwei Badegäste reagieren schnell: Sie tauchten die Gliedmaße aus dem Wasser. Kurz darauf wird der unter Schock stehende Bub in München operiert. Sechs Wochen lang, die Sommerferien hindurch, liegt Lukas in München in der Klinik.

Die effektive Rettungskette war sein Glück. Nach den Ferien kann Lukas wieder zur Schule gehen. Er lernt, mit links zu schreiben. Und er klammert sich an die 20 Prozent, die Ärzte seinem Arm gegeben haben. Mühsam erarbeitet er sich einen Fortschritt nach dem anderen, Nervenbahn für Nervenbahn, Gefäß für Gefäß. Heute spürt er den Arm wieder, bloß der Hand und den Fingern fehlt Kraft zum Zupacken und Greifen. Deshalb wird ein Spezialfahrrad für ihn gebaut mit allen entscheidenden Funktionen auf der linken Seite. Zwölf Operationen hat der 14-Jährige hinter sich. Mal kommen Schrauben und Platten rein oder raus, mal wird Haut verpflanzt. Weitere Eingriffe werden folgen. Manuelle Therapien, Lymphdrainagen, spezielle Übungen – das gehört nun zum Alltag wie Hausaufgaben.

Die Familie ist dankbar, dass sie mehr als 17.000 Euro an Spenden bekommen hat, um Lukas’ Heilung zu ermöglichen. Auch das 5000 Euro teure Spezialradl soll damit finanziert werden. Der 14-Jährige richtet seinen Blick nach vorn. Dass weiterhin Schwungseile an Seen hängen, stört ihn nicht. Seine Mutter sagt: „Man kann nach einem Radunfall ja auch nicht das Radfahren verbieten.“

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Quelle: Merkur.de