Die Zeit nach Corona

Das rechte Wort zur rechten Zeit - Gastkolumne der ehemaligen Regionalbischöfin Susanne Breit-Kessler*

+
Susanne Breit-Kessler, ehemalige evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern.

Gastkolumne der ehemaligen Regionalbischöfin Susanne Breit-Kessler

Bevor der „brave Soldat Schwejk“ in den Krieg ziehen muss, trifft er eine Vereinbarung: "Also dann", ruft er seinem Freund zu, "nach dem Krieg um halb sechs im Kelch!" Der Kelch war eine Prager Kneipe, die Autor Jaroslav Hašek gerne besuchte. Nach dem Krieg um halb sechs - das ist rührend zuversichtlich, von melancholischer Ruhe und tiefsinniger Gelassenheit. Wenn heute von der Zeit nach Corona die Rede ist, wird diese Weisheit selten erreicht.

Man hört und liest täglich mehrfach, dass die Welt eine andere sein wird. Es wird vielfach vermutet, dass alle zu besseren Menschen mutieren, die einander helfen, statt wie bisher nur gleichgültig zu sein. Oder die Pandemie wird zu einem „Glücksfall der Geschichte“ erklärt, weil sie neben Schlimmem auch viel Gutes hervorgebracht habe. Die, die so sprechen, sind vermutlich wohlmeinend. Aber nicht umsonst sagt man, „wäge deine Worte“.

Sind sie zu leicht oder doch gewichtig genug? Im gemeinsamen Gespräch, wenn das Mikrofon an ist oder die Kamera läuft, ist schnell zu merken, ob neue Gedanken zur Welt gebracht oder alte zum xten Mal aufgewärmt werden. Es ist zu spüren, wenn eine Rede wirklich von Empathie und der Idee einer besseren Welt getragen ist, von der konkreten Liebe wenigstens zu einem Menschen – oder bloß die Wiederholung sattsam bekannter Phrasen.

Manchmal sind Worte auch nur ein verbaler Unfall, der tief blicken lässt in die Immunität gegen wahres Menschsein. Das rechte Wort zur rechten Zeit – das kann gelingen, wenn jemand um jede Formulierung ringt in dem Wissen darum, dass er oder sie immer auch scheitern kann. Kirchenführer, Journalistinnen, Politiker, Wissenschaftlerinnen und wir mit ihnen sollten die Worte auch in Corona-Zeiten wägen.

Denn ihnen und uns hören Menschen zu, die ans Bett gefesselt dem Reden ausgesetzt sind. Die unter den derzeitigen Reglementierungen des eigenen Lebens leiden, die jemanden für immer verloren haben. Was braucht man in der Unsicherheit, in der Not, auch in der Wut? Gewiss nicht Worte von Menschen, die meinen, genau zu wissen, wie es einem geht, was man momentan braucht und dass am Ende des Tunnels Licht ist.

Das rechte Wort zur rechten Zeit informiert sachlich, es tröstet, stabilisiert oder konfrontiert auch mal recht ungemütlich. Die Zustimmungsquote ist kein Maßstab. Antoine de Saint-Exupéry schrieb: „Für den Menschen gibt es nur eine Wahrheit, das ist die, die aus ihm einen Menschen macht“. Nach Corona um halb sechs wäre in diesem Sinne eine treffliche Verabredung. Und deutlich besser als manches, was derzeit über die Zukunft gesagt wird.

*Susanne Breit-Keßler war evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern, künftig übernimmt sie den Vorsitz des neuen bayerischen Ethik-Rates. Sie schreibt alle zwei Wochen eine Kolumne im Bayernteil.

Sie erreichen die Autorin per Mail unter: bayern@merkur.de

Quelle: Merkur.de