Spendenkampagne der Hilfsorganisation Sea Eye

„Die Situation war nie unter Kontrolle“

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Einsatz im Mittelmeer: Die Regensburger Sea Eye war bei der Rettung von mehr als 13 000 Menschen beteiligt.

Die Regensburger Hilfsorganisation Sea Eye bekommt weniger Unterstützung für ihre Einsätze im Mittelmeer. Nun will sie mit einer neuen Kampagne um Spenden kämpfen.

Die Regensburger Hilfsorganisation Sea Eye ist seit 2016 mit zwei Schiffen im Mittelmeer unterwegs. Sie war an der Rettung von mehr als 13 000 Flüchtlingen beteiligt. Doch seit einiger Zeit wird es schwerer, die Rettungsmissionen zu organisieren. Es gibt weniger Helfer und weniger Spenden. Gorden Isler, einer der drei Vorstände, fürchtet, dass die Aufmerksamkeit für das Sterben im Mittelmeer nachgelassen hat. Die Hilfsorganisation will nun mit einer neuen Kampagne Unterstützer gewinnen.

-Die Sea Eye ist seit 2016 vor der libyschen Küste im Einsatz. Warum können Sie das Schiff jetzt nicht mehr losschicken?

Wir haben zwei Schiffe vor Ort, die Sea Eye und die Seefuchs. Aber wir bekommen nicht mehr die Crew zusammen, um beide Schiffe das ganze Jahr über zu betreiben. Vor allem die Spezialisten fehlen uns, also Skipper, Ärzte und Maschinisten. Deshalb mussten wir nun entscheiden, vorerst auf den Ein-Schiff-Betrieb umzustellen. Die Sea Eye ist erstmal in Warteposition.

-Wieso ist es so schwer geworden, genügend Freiwillige zu finden?

Das liegt zu großem Teil an der Kriminalisierungskampagne, die gegen die NGOs gefahren wurde. Sie hat viel Vertrauen der Freiwilligen und Spender zerstört. Es gab klare Diffamierungen, zum Beispiel von Seiten des ehemaligen Bundesinnenministers, der behauptet hatte, es gebe Anzeichen dafür, dass die NGOs mit den Schleppern zusammenarbeiten würden. Als das Ministerium das eine Woche später dementiert hat, war das lange nicht mehr so groß in den Medien. Unser ehrenamtliches, humanitäres Engagement wurde oft kritisiert – zurückgeblieben ist viel Verunsicherung. Dagegen kommen wir mit Worten nur mühsam an.

-2017 mussten Sie wie die anderen NGOs auch den umstrittenen Verhaltenskodex unterschreiben, den Italien vorgelegt hatte. Hat Sie das ebenfalls Unterstützer gekostet?

Ja, das kann gut sein. Aber wir hätten unsere humanitäre Arbeit nicht fortführen können, wenn wir nicht unterzeichnet hätten. Wir NGOs haben einfach keine Chance, uns mit Staaten wie Italien anzulegen. Das wäre völlig aussichtslos. Trotzdem haben einige Hilfsorganisationen deswegen aufgegeben.

Gorden Isler, Vorstand der Sea Eye 

-Wie dramatisch ist die Lage vor der libyschen Küste momentan?

Sie hat sich etwas entspannt. Die Frage ist aber, warum weniger Menschen in Italien ankommen. Sie bezahlen die Schlepper, werden auf die Schlauchboote gesetzt und dann von der libyschen Küstenwache zurückgebracht. Unsere Helfer vor Ort haben mehrere Fälle beobachtet und dokumentiert. Ungefährlicher ist die Lage aber schon deshalb nicht, weil deutlich weniger Rettungsschiffe vor Ort sind. Aktuell sind es noch fünf, es waren einmal zwölf.

-Wie können Sie die Situation so noch unter Kontrolle behalten?

Die Situation im Mittelmeer war seit der Einstellung der italienischen Marineoperation Mare Nostrum nie unter Kontrolle. Wir fahren den Menschen seit 2016 mit den Rettungsmitteln entgegen, die wir haben. Und immer wieder kam es zu Situationen, in denen wir völlig überfordert wurden. Ich war selbst bei einem Einsatz an Bord, bei dem wir uns 12 Stunden lang um vier Gummiboote kümmern mussten. An diesem Tag ist einfach nur deshalb alles gut gegangen, weil wir hunderte Schutzengel an unserer Seite hatten. Wir haben allein dieses Jahr schon 267 Menschen vor dem Ertrinken gerettet. Das ist weniger als in den Vorjahren zu diesem Zeitpunkt – aber immer noch eine unglaublich hohe Zahl. Man muss sich einmal vorstellen, was los wäre, wenn wir 267 Menschen in der Nordsee gerettet hätten.

-Hat die Aufmerksamkeit für die Situation vor der libyschen Küste nachgelassen? Gewöhnen wir uns an die Nachrichten von ertrunkenen Flüchtlingen?

Es ist meine große Sorge, dass wir uns daran gewöhnen, dass an unseren Außengrenzen Menschen sterben. Ich fürchte, das Sterben im Mittelmeer muss erst wieder ein großes Ausmaß erreichen, damit die europäische Öffentlichkeit wieder hinschaut.

-Wie wollen Sie weitermachen?

Wir starten heute eine Kampagne. 2015 hat Michael Buschheuer von seinem Privatvermögen ein Schiff gekauft, um zu helfen. Er hat kein Engagement gefordert, sondern sich einfach selbst engagiert. Ich glaube, dass er genau deswegen so viele Unterstützer gefunden hat. So wollen wir es nun noch einmal versuchen – aber zu fünft. Wir wollen unser Versprechen erneuern. Michael Buschheuer, die Ärzte Jan Ribbeck und Tilmann Mischkowsky sowie Andreas Würz und ich haben insgesamt 50 000 Euro zur Verfügung gestellt für eine Spendenverdopplungs-Kampagne. Das Geld ist bereits eingezahlt. Wir wollen jede Spende bis 500 Euro, die auf der Spendenplattform betterplace.de eingeht, verdoppeln, bis die 50 000 Euro aufgebraucht sind. Das soll auch ein Signal sein – dafür, dass wir unsere Arbeit weiterführen wollen. Wir sind überzeugt, dass unsere Mission richtig und wichtig ist.

-Hat auch die Spendenbereitschaft nachgelassen?

Ja, das hat sie. Für unsere wichtigsten Projekte waren wir immer auf die Hilfe von Großspendern angewiesen. So konnten wir zum Beispiel unser zweites Schiff finanzieren. Die Missionen konnten wir immer dank der kleineren Spenden, die zuverlässig kamen, finanzieren. Und diese Unterstützung ist definitiv weniger geworden. Unsere Spender kommen vor allem aus dem bürgerlichen Spektrum. Ich glaube, dass sie durch die massive Kritik an den NGOs verunsichert wurden. Die Verbreiter dieser kriminalisierenden Botschaften wissen sehr genau, was sie tun. Sie säen Zwietracht und schüren Zweifel. Und wer zweifelt, spendet nicht. Ohne die Spenden können wir unsere Missionen nicht finanzieren. Diesen Motor wollen wir mit der Kampagne wieder anwerfen. Wir hoffen auf ein eindeutiges Mandat von unseren Mitbürgern.

-Wie optimistisch sind Sie, dass Sie die Sea Eye dieses Jahr noch einmal losschicken können?

Momentan ist es schwer abzuschätzen, wie es weitergeht. Aktuell hängt es vor allem an den Freiwilligen und nicht allein am Geld, ob wir bald wieder mit zwei Schiffen fahren können. Wenn die finanzielle Unterstützung aber auf dem Niveau bleibt, auf dem sie seit einiger Zeit stagniert, wird ein neues Problem dazu kommen.

Informationen

zu der Kampagne und Spendemöglichkeit gibt es unter www.betterplace.org/de/matching-funds/170

In einem Youtube-Video spricht der Sea Eye-Vorsitzenden Tilmann Mischkowsky, der einer der Initiatoren der neuen Kampagne ist, ebenfalls über die Ziele der Aktion.

Quelle: Merkur.de