Seenotrettung im Mittelmeer

Sea-Eye-Sprecher: „Viele Menschen zeigen jetzt Haltung“

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Verloren im Mittelmeer: Dieses Bild wurde von einem privaten Beobachtungsflugzeug aufgenommen, es hat einen Notruf abgesetzt. Das Schlauchboot sank bereits. Doch aktuell dürfen kaum Rettungsschiffe starten. Vermutlich sind die Menschen ertrunken.

Private Hilfsorganisationen wie die Regensburger Sea-Eye dürfen aktuell nicht ins Einsatzgebiet starten, um im Mittelmeer Menschen vor dem Ertrinken zu retten. Doch sie bekommen mehr Spenden als früher. Sea-Eye will das für einen neuen Plan nutzen. 

Regensburg – Seit Anfang Juni sind 850 Menschen im Mittelmeer ertrunken – auch deshalb, weil private Rettungsorganisationen nicht mehr auslaufen dürfen. Die „Seefuchs“ der Regensburger Organisation Sea-Eye liegt seit Ende Juni wegen eines Flaggen-Streits im Hafen von Malta. Doch der Verein bekommt gerade sehr viel Unterstützung. Sea-Eye-Sprecher Gorden Isler berichtet, wie die Hilfsorganisation die Spenden nutzen will, um weiterhin Menschen vor dem Ertrinken retten zu können.

Gorden Isler, Sprecher des Vereins Sea-Eye

Seit die Seefuchs ihre Flagge verloren hat, liegt sie im Hafen von Malta. Wie wahrscheinlich ist es, dass sie noch einmal ins Einsatzgebiet starten kann?

Der Flaggenstreit ist absurd. Die Niederländer behaupten, wir dürften mit unseren Papieren ihre Flagge nicht tragen. Doch wir hatten mit dem Zertifikat seit mehr als zwei Jahren nie Probleme. Das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie hat das niederländische Zertifikat ebenfalls anerkannt und uns damals die Genehmigung erteilt, auszuflaggen. Denn wir sind ja nach wie vor im deutschen Register in Regensburg eingetragen. Aber so wie es gerade aussieht, gibt es wohl keine Chance mehr, mit einem 26-Meter-Schiff und einer niederländischen, oder der deutschen Flagge ins Einsatzgebiet zu starten.

Wieso kann Sea-Eye nicht unter deutscher Flagge fahren?

Die Anforderungen sind für unsere beiden Schiffe zu hoch. Die deutschen Behörden würden sagen, dass sie für diesen Zweck ungeeignet sind. So haben wir mit ungeeigneten Schiffen mehr als 14 000 Menschen gerettet. Es geht klar darum, die Rettungsarbeiten zu erschweren.

Wie will der Verein  weitermachen?

Wir haben uns  entschieden, ein neues, größeres Schiff zu chartern. Das geht unkomplizierter und schneller, als ein neues Schiff zu kaufen. Unser Ziel ist schließlich, so schnell wie möglich wieder ins Einsatzgebiet zu starten. Wir haben uns bereits zwei Schiffe angeschaut, eines davon halte ich für sehr geeignet. Es hat die deutsche Flagge und die richtige Größe. Wir schauen uns auch nach einem Schiff im Mittelmeer um, sodass wir das Einsatzgebiet schneller erreichen können.

Wie kann Sea-Eye ein größeres Schiff finanzieren?

Natürlich brauchen wir dafür viel Geld. Aber es geht schließlich um Menschenleben. Konservativ kalkuliert brauchen wir für das Schiff, das wir gerade im Auge haben, 420 000 Euro. Damit könnten wir es für drei Monate chartern und mit hauptamtlichen Kapitänen und Maschinisten ins Einsatzgebiet schicken. Bei einem großen Schiff wäre das nötig. Im Moment fehlen uns noch 120 000 Euro dafür. Wir hoffen auf noch mehr Unterstützung.

Über die Seenotrettung wird gerade hitzig diskutiert. Bekommen Sie genug Unterstützung aus der Bevölkerung, um diesen Plan umsetzen zu können?

Ja, der Rückenwind ist enorm. Regensburg ist die bayerische Hauptstadt der Seenotretter – vor allem aus Bayern ist die Unterstützung sehr groß. Erst vor einigen Tagen hat uns eine Gruppe von Studenten und Professoren der Münchner Hochschule HFF 20 000 Euro gespendet – das ist wirklich bemerkenswert. Viele Menschen zeigen jetzt Haltung und positionieren sich. Die Diskussion um das Sterben auf dem Mittelmeer politisiert das Land. Deshalb hoffen wir, dass uns noch mehr Unternehmer und Privatleute zur Seite stehen und dabei helfen, Menschen vor dem Ertrinken zu retten.

Was passiert, wenn Sie das nötige Geld für das neue Schiff nicht zusammenbekommen?

Wir werden nicht aufhören, Spenden zu sammeln. Unser Plan ist es, im September die erste Mission starten zu können. Wenn wir die Spenden bis dahin nicht zusammen haben, werden wir das Projekt nicht abbrechen – sondern später ins Einsatzgebiet starten. Abbrechen würden wir unsere Arbeit nur, wenn es für die Crews zu gefährlich werden würde, ins Einsatzgebiet zu fahren. Wenn dort geschossen werden würde zum Beispiel. Dann geht es aber nicht mehr nur um die Zukunft dieses Projekts, sondern auch um die Zukunft unseres Vereins. Wir haben in unserer Satzung geregelt, dass alle bisher eingegangenen Spenden an „Ärzte ohne Grenzen“ weitergegeben werden, wenn unser Verein einmal aufgelöst werden sollte.

Selbst wenn das mit dem neuen Schiff klappt, bleibt aber das Problem, dass Italien keine zivilen Rettungsschiffe mehr in seine Häfen lässt.

Wir wollten immer Ersthelfer sein – und das ist weiterhin unser Ziel. Wenn wir Menschen aus Seenot retten, werden wir weiterhin um Hilfe bitten. Aber die Realität ist, dass wir keine Hilfe mehr bekommen. Es wäre verantwortungslos, nicht einzukalkulieren, dass wir die Menschen länger an Bord behalten oder sie sogar weite Strecken transportieren müssen. Auch dafür wäre ein größeres Schiff besser geeignet. Trotzdem müssen wir weiterhin Druck machen und verlangen, dass sich alle beteiligten Staaten an internationale Gesetze halten und sich ihrer humanitären Verantwortung nicht entziehen. Insbesondere auch unser eigenes Land.

Italien wirft den NGOs vor, sich nicht an die Gesetze zu halten...

Das ist absurd. Besonders weil erst vor einigen Tagen ein italienisches Schiff Flüchtlinge zurück nach Libyen gebracht hat. Das ist nach meiner Auffassung ein klarer Völkerrechtsbruch – und es gibt keinen lauten Aufschrei. Wir halten uns an die internationalen Gesetze der See. Darin steht, dass die Geretteten an einen sicheren Ort gebracht werden müssen. Sie müssen Essen, Trinken und ein Dach über dem Kopf bekommen und angemessen medizinisch versorgt werden. Und ihnen dürfen an diesem Ort keine Repressalien drohen. Aus rein geografischen Gründen sind diese sicheren Orte weiterhin Italien und Malta. Wir müssen davon ausgehen, dass sich diese Länder ans internationale Gesetz halten. Sollten sie das nicht tun, werden wir andere EU-Staaten bitten, das zu tun. Wirklich schlimm ist aber, dass momentan alle nur über Flaggen und Schiffspapiere diskutieren – und nicht darüber, dass an den EU-Außengrenzen jeden Tag Menschen sterben.

Sie wollen das neue Schiff für drei Monate chartern. Wie soll es langfristig weitergehen?

Unser langfristiges Ziel ist es, nicht mehr gebraucht zu werden. Wir verlangen schlicht, dass sich die EU-Staaten gemeinsam für diese humanitäre Aufgabe verantwortlich zeigen und wirksam helfen. Das haben wir aber nicht in der Hand.

Quelle: Merkur.de