Gemeinsam musizieren ist wieder in

Rudelsingen liegt im Trend: Bayern trällert sich glücklich

Ein wechselnder Chor: Alle acht Wochen findet im Schloss am Olympiapark ein „Rudelsingen“ für Hobbysänger statt.

Immer mehr Menschen nutzen das Singen, um vom Alltag abzuschalten. Und das nicht allein unter der Dusche oder im Auto – sondern im Rudel. Rudelsingen ist ein neuer Trend. Einer, der glücklich macht – und gut ist für die Gesundheit.

München – Hemmungen gibt es nicht. Nicht, wenn es um Klassiker geht wie „Ich war noch niemals in New York“. Der Keyboarder hat gerade die ersten Takte angespielt, schon ist aus einer Gruppe Fremder ein riesengroßer Chor geworden. In voller Lautstärke stimmen die bayerischen Hobbysänger, die heute im Schloss am Olympiapark zusammengekommen sind, die ersten Zeilen von Udo Jürgens Gassenhauer an. Es ist das erste von dutzenden Liedern, die sie heute zusammensingen. Die meisten von ihnen kennen sich nicht – aber sie haben mindestens eine Gemeinsamkeit: die Freude am Singen.

Und die liegt momentan voll im Trend – nicht nur in Bayern. Das Phänomen heißt Rudelsingen. In regelmäßigen Abständen treffen sich in vielen Städten Deutschland leidenschaftliche Hobbysänger. Alter: egal. Talent: egal. Es zählt einzig der Spaß am Singen. Egal ob Beatles, Robbie Williams oder Hans Albers - und egal, ob dabei gebrummt wird oder nicht. Zwei professionelle Musiker spielen die Lieder auf Gitarre und Piano, auf der Leinwand wird wie beim Karaoke-Singen der Text angezeigt.

Das sogenannte Rudelsingen gibt es bereits seit sechs Jahren. Begonnen hat es in Münster, inzwischen finden die Veranstaltungen in mehr als 90 Städten in ganz Deutschland statt. „Gesungen werden immer dreimal acht Lieder, dazwischen gibt es zwei Pausen“, erklärt Karin Kowalewski, die das Rudelsingen in Bayern organisiert. Die Besucher singen im Stehen. Für alle, die länger singen als stehen können, gibt es Stühle. Das Publikum ist genauso gemischt wie sein Repertoire. Teenager singen mit Rentnern gemeinsam Songs wie „Mamma Mia“ von Abba, „Wonderwall“ von Oasis oder „Let it be“ von den Beatles. „Wir sind wie eine Tüte Haribo Colorado“, sagt Kowalewski. „Es ist für jeden etwas dabei.“ Wichtig ist stets: Die Lieder müssen gut singbar und bekannt sein. In Bayern ist das kein Problem, sagt die 56-Jährige. „Die Münchner sind wegen des Oktoberfestes sehr textsicher.“ Die Termine finden in der Regel unter der Woche statt, denn: „Das Rudelsingen soll in den Alltag integriert werden können“, sagt Kowalewski. Denn Singen ist gesund. „Man sagt ja schließlich auch, ein Mensch, der singt, hat keine Angst.“

Das kann der Münchner HNO-Arzt Dr. Jochen Reichel bestätigen: „Singen wirkt wie ein Antidepressivum. Es aktiviert die Serotonine, die ja gerne als Glückshormone bezeichnet werden“, erklärt er. Singen tut also gut. Nicht nur der Seele, sondern auch dem Körper. „Wir stellen uns gerade hin, nehmen Haltung ein und konzentrieren uns auf den eigenen Körper“, sagt Reichel. Er weiß wovon er spricht, er hat selbst schon Gesangsstunden genommen. Zudem werde durch das tiefe Atmen die Atemfrequenz erhöht, was zu einer besseren Sauerstoffsättigung führe. „Durch das Singen werden auch Brust- und Rückemuskulatur entlastet, es ist ein Training für das Hörvermögen und die Hirntätigkeit“, betont Reichel. Deshalb rät er dazu, möglichst viel zu singen. Egal ob im Chor, unter der Dusche oder im Auto. Denn es beuge Krankheiten vor: „Die Immunglobuline sind nach einer Gesangssession erhöht.“ Sprich, das Immunsystem wird gestärkt. Von den positiven Auswirkungen des Singens auf den Körper profitieren die Menschen seit Jahrhunderten. Früher nutzten sie den Gesant, um Raubtiere abzuschrecken. Außerdem diente er dazu, den Zusammenhalt zu stärken – zum Beispiel am Lagerfeuer.

Und in der heutigen Zeit ist das Singen schwer angesagt – das beweist die Menge an Castingshows im Fernsehen. Und die hohe Zahl der Hobby-Sänger. Auf der Internetseite „Singen in München“ sind aktuell über 350 Chöre verzeichnet. Singen passe zum Trend, Arbeit und Privatleben in Balance zu halten, erklärt Petra Seifert, die die Homepage betreibt. Mehr als 55 000 Mal wird die Seite pro Jahr aufgerufen. „Das hat sich über die Jahre regelmäßig gesteigert“, erzählt sie. „Singen in der Gruppe macht einfach glücklich.“

Unter den 350 dort verzeichneten Chören ist auch einer der berühmtesten in Deutschland: der Tölzer Knabenchor. Seit über 60 Jahren beginnen hier Erstklässler ihre Gesangskarriere, aktuell sind es 54 Kinder. Auch hier Tendenz steigend, berichtet Geschäftsführerin Barbara Schmidt-Gaden. „Ich sehe den Trend Singen auch als Gegentrend zur digitalen Entwicklung. Gerade in der heutigen Zeit ist es wichtig, sich sozial zu engagieren, miteinander etwas Sinnvolles zu machen. Viele Eltern melden ihre Kinder auch aus diesem Grund bei uns an.“ Der Trend zum Singen scheint also so schnell nicht abzuflauen.

Das nächste Rudelsingen findet am 20. Juni in München und am 21. Juni in Nürnberg jeweils um 19.30 Uhr statt. Anmeldungen und mehr Infos unter www.rudelsingen.de.

Rudelsingen im Turmstüberl des „Valentin-Karlstadt-Musäums“

Übrigens: In München können Sie sich im „Valentin-Karlstadt-Musäums“ den Rudelsängern anschließen. Die Veranstaltung heißt „Turmsingen“

Termine 2017: 10.7.2017 - Leitung: Jürgen Kirner; 18.9.2017 - Leitung: Eva Becher; 13.11.2017 - Leitung: Evi Strehl

Eintritt: 299 Centerl fürs Musäum.

Quelle: Merkur.de