Wiedereröffnung der Gastronomie

Schmeckt‘s uns? Gastkolumne von Susanne Breit-Kessler*

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Susanne Breit-Keßler war evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern, künftig übernimmt sie den Vorsitz des neuen bayerischen Ethik-Rates.

Die Gastronomie hat ihre Türen wieder geöffnet. Das nutzt allen, die sich erfreulicherweise dem Dienst am Kunden verschrieben haben und natürlich den Gästen selbst.

Auch wenn die eigenen Kochkünste sich in Corona-Zeiten zu ungeahnten Höhen emporgeschwungen haben, ist es einfach erquicklich, sich zurückzulehnen, aus einer Speisekarte beim Bayern oder Griechen, Inder oder Italiener, beim Thai oder Türken auszuwählen und zu genießen. 

Aber nicht allein der vielfältige internationale Geschmack auf dem eigenen Gaumen ist wieder präsent. Auch eine Gastro-Sprache, von der ich wegen ihres bühnenreifen Unterhaltungswertes regelrecht fasziniert bin, ist endlich wieder zu vernehmen. Ein reduziertes Speisenangebot führt etwa dazu, dass man noch sorgfältiger entscheidet. Ist es endlich gelungen, sich gegen das vegetarische Essen und für den Fisch auszusprechen, teilt einem der Kellner freundlich mit, dass der leider aus ist. Macht nichts, denn bei uns verhungert niemand. 

Es gibt noch weitere Köstlichkeiten, von denen garantiert eine vor einem landet. Und zwar mit dem Kommentar: „Jetzt schauen‘S her!“ Genau hinschauen ist immer gut, auch beim Essen. Begeistert folgt man der Aufforderung und legt mit Messer und Gabel los – sorgfältig beobachtet von einem geschulten Servicepersonal. Gewiss kommt bald jemand vorbei und fragt: „Ist bei Ihnen alles in Ordnung?“ Gerne antworte ich: „Gott sei Dank! Bei Ihnen auch?“ Die Verwirrung klingt bald ab, weil es nicht um den Allgemeinzustand des Gastes ging, nach dem man sich erkundigte. Die Qualität der Speisen wurde erfragt, was dem Restaurant und seinen Mitarbeitenden tatsächlich gut zu Gesicht steht. Folgt irgendwann die Bemerkung „Passt alles bei Ihnen?“, ist man schon vorgewarnt und weiß, was das Servicepersonal wissen möchte. 

Jedenfalls nicht, ob man mit seiner Kleidergröße zurechtkommt. Ganz neue Solidarisierung zwischen Bedienung und Kunde entsteht, ertönt der Satz „Schmeckt‘s uns?“. Vielleicht war er oder sie als Vorkoster in der Küche tätig, um potenziell mögliches, aber natürlich unrealistisches Unheil abzuwenden. Ich selbst bin die personifizierte Schutzbefohlene von Gastgebern, weil ich nur einen fünftel Magen habe. „Haben wir heute keinen Hunger?“ gelangt schon mal mit größtem Bedauern an mein Ohr – auch das voller Empathie. 

Eines aber fehlt mir nach wie vor sehr: Die Öffnung der kleinen, gemütlichen Bars mit familiärem Kontext. Der Barkeeper weiß mit einem Blick auf die Miene des Gastes, was der heute trinken möchte. Und duzt einen frohgemut. Da fühlt man sich selbst als Mitglied der Risikogruppen wieder richtig jung und unbeschwert – und das stärkt bekanntlich das Immunsystem.

*Susanne Breit-Keßler war evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern, künftig übernimmt sie den Vorsitz des neuen bayerischen Ethik-Rates.

Quelle: Merkur.de