Spenden für Hilfsorganisationen

Die Seenotretter wollen nicht aufgeben

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Er erhebt schwere Vorwürfe gegen die EU: Claus-Peter Reisch, Kapitän der „Lifeline“, steht auf Malta vor Gericht.

Die Hilfsorganisationen bekommen für die Seenotrettung auf dem Mittelmeer momentan sehr viele Spenden – obwohl sie aktuell nicht ins Einsatzgebiet fahren dürfen. Doch die Unterstützung ist für sie gerade wichtiger denn je.

Regensburg/Valletta – Die Organisation Mission Lifeline aus Dresden hatte prominente Unterstützer. Nachdem sie fast eine Woche mit 230 Flüchtlingen an Bord im Mittelmeer blockiert war und in keinem europäischen Hafen anlegen durfte, haben die Moderatoren Jan Böhmermann und Klaas Heufer-Umlauf zu Spenden aufgerufen. Innerhalb weniger Tage kamen dadurch mehr als 400 000 Euro zusammen. Aber auch die anderen Hilfsorganisationen, die seit Jahren im Einsatzgebiet vor der libyschen Küste Flüchtlinge retten, spüren, dass die Spendenbereitschaft durch die aktuelle Debatte zugenommen hat.

Die Regensburger Hilfsorganisation Sea-Eye hat das Ziel ihres aktuellen Spendenaufrufs nach nur zwei Monaten erreicht. Es sind 100 000 Euro zusammen gekommen – 50 000 von privaten Spendern, fünf Mitglieder des Vereins haben diese Summe wie angekündigt verdoppelt. Gestartet hatte die Organisation den Spendenaufruf, um die bis Jahresende geplanten Missionen zu finanzieren. Doch die „Seefuchs“ ist genau wie die „Lifeline“ und die Berliner „SeaWatch“ im Hafen von Valletta festgesetzt. Dem Schiff wurde die niederländische Flagge entzogen. Wann die nächste Mission starten wird, ist aktuell völlig ungewiss.

„Trotzdem ist dieser Rückenwind durch die Spender für uns gerade sehr wichtig“, erklärt Sea-Eye-Sprecher Gorden Isler. „Unser wichtigstes Ziel ist es, so schnell wie möglich wieder ins Einsatzgebiet starten zu können.“ Denn aktuell ist kein Rettungsschiff mehr vor der libyschen Küste unterwegs – mindestens 277 Menschen sind ertrunken, seit die Schiffe festgesetzt wurden. „Aufgeben wäre jetzt völlig falsch“, betont Isler. Die vielen Spenden sieht er als eindeutiges Mandat, weiterzumachen.

Allerdings muss sich die Regensburger Organisation für künftige Rettungseinsätze völlig neu aufstellen. Sie wird ein neues, größeres Schiff brauchen, erklärt er. Denn die beiden Schiffe „Seefuchs“ und „Sea-Eye“ sind ehemalige Fischkutter und nicht dafür geeignet, Flüchtlinge an Bord zu nehmen. „Wenn die EU-Staaten uns keine Hilfe mehr schicken, um die Menschen vor dem Ertrinken zu retten, müssen wir uns professionalisieren.“ Die Regensburger Hilfsorganisation diskutiert darüber, ob künftig mit hauptberuflichen Kapitänen ins Einsatzgebiet gestartet wird – so wie es die „SeaWatch „bereits macht.

Ehrenamtliche Kapitäne für die Missionen zu finden, dürfte auch schwieriger werden. Denn der „Lifeline“-Kapitän Claus-Peter Reisch muss sich für die letzte Mission in Valletta vor Gericht verantworten. Ihm wird vorgeworfen, das Schiff ohne ordnungsgemäße Registrierung in maltesische Gewässer gesteuert zu haben. „Das Ganze ist ein Politikum“, sagt er. „Ich bin sozusagen das Bauernopfer für alle anderen NGOs.“

Gestern durfte der 57-Jährige aus Landsberg Malta gegen eine Kaution von 5000 Euro verlassen. Reisch erhob schwere Vorwürfe gegen die Europäische Union und die Regierungen ihrer Mitgliedsländer. „Es ist beschämend, dass die EU mehr dafür tut, Seenotrettung zu verhindern, als gegen das Sterben im Mittelmeer“, sagte er. „Wir diskutieren jetzt also ernsthaft, ob es legitim ist, Menschenleben zu retten? Hätten wir die Leute einfach ertrinken lassen, würde ich jetzt wohl nicht vor Gericht stehen. Das ist schäbig und eine Gefahr für die Demokratie.“ Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) warf er vor, er wolle Menschen im Mittelmeer ertrinken lassen. „Er ist der Täter, er gehört vor Gericht, er muss zurücktreten.“ Er habe selbst einmal Seehofer gewählt, verrät er. „Aber das ist lange her.“

Reisch droht eine Haftstrafe von bis zu einem Jahr oder eine Geldstrafe bis zu 11 600 Euro. Der Prozess wird am 30. Juli fortgesetzt.

Quelle: Merkur.de