Sie wollte lieber sterben als im Pflegeheim leben

Der ehemalige Hamburger Justizsenator Roger Kusch sitzt am Montag (30.06.2008) neben einem TV-Bildschirm, auf der die verstorbene Bettina S. zu sehen ist, während einer Pressekonferenz in Hamburg.
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Der ehemalige Hamburger Justizsenator Roger Kusch sitzt am Montag (30.06.2008) neben einem TV-Bildschirm, auf der die verstorbene Bettina S. zu sehen ist, während einer Pressekonferenz in Hamburg.

Würzburg - Die Zeitung legte Bernd B. (78) am Montag morgen wie sonst auch vor Bettina Schardts Wohnungstür. Er konnte nicht ahnen, dass die ehemalige Röntgenassistentin nicht mehr lebte.

Am Samstag hatte sie sich in Anwesenheit des ehemaligen Hamburger Justizsenators Roger Kusch einen tödlichen Medikamentencocktail verabreicht. Sie sei nicht ernstlich krank gewesen, habe aber Angst vor einem künftigen Leben im Pflegeheim gehabt, heißt es. Zum ersten Mal hat ein renommierter Politiker damit in Deutschland Sterbehilfe geleistet.

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Verwirrt und schockiert betrachten die Bewohner des Röntgenrings 1, direkt gegenüber des Würzburger Hauptbahnhofs, gestern das Foto, das Kusch unmittelbar vor dem Tod der Frau bei ihr im Wohnzimmer zeigt. „Der muss sie beschwatzt haben, das war doch so eine intelligente Frau“, sagt Bernd B. Nie habe es Anzeichen dafür gegeben, dass die alleinstehende Frau unter Depressionen gelitten habe oder lebensmüde gewesen sei.

Am Samstag kurz vor eins war bei der Würzburger Polizei der Hinweis auf eine leblose Person am Röntgenring eingegangen. Schon kurz nach eins betrat die Polizei die Wohnung im ersten Stock. Bernd B.: „Wir sahen zwei Herren mit schweren Koffern hinaufsteigen. Das war offenbar die Spurensicherung.“ Den Leichenwagen bemerkte keiner der Hausbewohner. Scheinbar kam er erst nach Einbruch der Dunkelheit.

Gestern räumte die Halbschwester der Toten die Wohnung aus. Auf Reporterfragen reagierte sie unwirsch: „Ich spreche nicht darüber.“ Mit einem Bekannten schleppte sie Pflanzen aus den Räumen.

Nachbarn erinnern sich, dass Bettina Schardt zurückgezogen im Wohnzimmer der 80-Quadratmeter-Wohnung lebte. Dort hatte sie ihre Medikamente um sich herum aufgebaut. Daneben kommunizierte sie per Telefon und Internet mit ihrer Umwelt. Sie nahm an einem Fantasy- und Science-Fiction-Stammtisch teil, schrieb Leserbriefe an die Lokalzeitung und kämpfte in einer Bürgerinitiative für den Erhalt des Würzburger Ringparks.

Außer ihrer Halbschwester hatte sie keine Verwandten mehr. Immer mittwochs bekam sie Besuch von Zivildienstleistenden, die ihr im Haushalt halfen und aufräumten.

Roswitha B. (75): „Sie klagte über Rückenschmerzen und hatte ein Leiden an der Schulter. Doch eine Kur brach sie ab.“ Auch wegen Diabetes war sie in Behandlung. Kleinere Besorgungen ließ sie von den Nachbarn erledigen. Wie verzweifelt Bettina Schardt im Innersten gewesen sein muss, wollen diese nicht bemerkt haben.

Am Montag wurde die Leiche der 79-Jährigen obduziert. Würzburgs Oberstaatsanwalt Erik Ohlenschlager zur tz: „Wir haben ein Todesermittlungsverfahren eingeleitet. Es muss geklärt werden, ob es sich bei dem ungeklärten Todesfall der 79-Jährigen um einen Selbstmord handelt oder ob Fremdbeteiligung vorliegt.“ Erst nach Abschluss der Ermittlungen könnten Aussagen darüber gemacht werden, ob sich in Zusammenhang mit ihrem Ableben jemand strafbar gemacht habe.

Quelle: tz

Quelle: tz