„Ich werde ewig fahren“

Münchner Star-Snowboarderin erleidet vierten Kreuzbandriss: „Sehne einer Toten bekommen“

Bereits der vierte Kreuzbandriss fesselte die Münchner Snowboarderin Silvia Mittermüller ans Bett.
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Bereits der vierte Kreuzbandriss fesselte die Münchner Snowboarderin Silvia Mittermüller ans Bett.

Profi-Snowboarderin Silvia Mittermüller hat mit 37 einen vierten Kreuzbandriss und die zweite Sehne eines Toten. Trotzdem wird sie nie aufhören - und bald nach Mexico City. „Ich will leben.“ Ein Interview.

München - Langweilig, konservativ, geradlinig – nicht mit Silvia Mittermüller. Das Leben der Münchner Snowboarderin hat immer wieder überraschende Wendungen parat. Das jüngste Kapitel der Olympiateilnehmerin: ihr vierter Kreuzbandriss. Diesmal hat es das rechte Knie erwischt, Meniskusschaden inklusive. 2007 (rechts), 2008 (rechts) und 2009 (links) hatte sich die Weltcupsiegerin ihr Knie bereits zertrümmert, 2016 das aktuell kaputte Kreuzband bereits angerissen. Wa­rum sie trotz des unglücklichen Skateboard-Unfalls vor drei Wochen nicht ans Aufhören denkt und wie das Sportleben mit der Sehne eines Toten ist, erzählt die 37-Jährige im Interview.

Was macht die quirlige „Sili“, wenn sie eigentlich zum Nichtstun verdammt ist?
Mittermüller: Ich gehe schwimmen, ohne Beinschlag versteht sich, und ich war im Gym. Aber der körperliche Betätigungsspielraum ist gering, bei meinem sonstigen Umfang ist das ernüchternd.
Ist es ein Vor- oder Nachteil, dass Sie das Prozedere schon kennen?
Mittermüller: Definitiv ein Vorteil. Ich weiß, was ich machen kann, und muss nicht ständig den Arzt fragen. Ein Kreuzbandriss alleine wäre auch nicht so schlimm, aber da es den Meniskus auch erwischt hat, gehe ich sechs Wochen auf Krücken und verliere fast den kompletten Muskel.
Ihr Kreuzband wurde nicht durch eigenes Gewebematerial ersetzt, sondern durch die sogenannte Allograft-Methode, richtig?
Mittermüller: Stimmt, ich habe wieder eine Schienbeinsehne eines Toten bekommen, so wie 2008 und 2009. Ich habe sozusagen Superwoman-Kreuzbänder, die sind mit zehn Millimetern etwas dicker als die normalen Sieben-Millimeter-Bänder. Das rechte Knie hat immerhin zwölf Jahre gehalten. Ich bin allerdings nicht heiß darauf, das ständig zu erleben, ich hoffe, es war das letzte Mal.

Silvia Mittermüller erleidet vierten Kreuzbandriss: „Werde ewig Snowboard fahren“

Sie könnten das Snowboard beiseitelegen…
Mittermüller: Nein, da kenne ich mich zu gut. Selbst wenn ich das Parkfahren mit seinen Tricks mental nicht packen würde, … (überlegt), nein, das kann ich gar nicht aussprechen, ich weiß, dass es nicht so sein wird. Ich bin nicht verrückt, aber ich werde ewig Snowboard fahren.
Die Münchnerin Silvia Mittermüller liebt das Snowboarden.
Was fasziniert Sie daran?
Mittermüller: Es gibt unendlich viele Tricks, ich kann mich ständig he­rausfordern. Das Railspiel ist nie ausgespielt, es ist fast wie eine Sucht für mich. Wenn ich neue Dinge ausprobiere, bin ich immer noch angespannt, und mein Herz schlägt schneller. Gelingt der Trick, kommt gleich danach die Glückshormon-Dusche.
Wollen Sie noch einmal im Weltcup starten?
Mittermüller: Ich habe mich darum gekümmert, dass meine FIS-Punkte aufgrund des Verletztenstatus eingefroren werden, das hatte der Verband bei meiner Knieverletzung vor zwei Jahren versäumt. Aber ich lasse mir das offen und suche mir die Events raus, auf die ich Lust habe. Den Weltcup im März in Tschechien wäre ich gerne gefahren, der fiel Corona zum Opfer.
Aber noch ein Start bei Olympia ist kein Ziel mehr, oder?
Mittermüller: Nein, ich bin stolz, dass ich es 2018 nach Pyeongchang geschafft habe, weil mir das noch gefehlt hatte. Aber die Bedingungen, dass wir dort bei Windböen von bis zu 50 km/h starten mussten, war brutal. Auch auf eisige Big-Air-Events in Metropolen habe ich keine Lust mehr, das ist nicht das Snowboardfahren, das ich liebe.

Silvia Mittermüller erleidet den vierten Kreuzbandriss: „Mit einem Jahr muss ich rechnen“

Wann, glauben Sie stehen, Sie wieder auf dem Brett?
Mittermüller: Bisher bin ich nach sechs Monaten wieder gefahren, nach sieben war die Form in Ordnung. Jetzt bin ich das erste Mal an einem Punkt angelangt, an dem ich nicht die Wochen zähle und mir kein konkretes Datum setze. Da auch der Meniskus und der Knorpel betroffen waren, hat DSV-Arzt Peter Brucker gemeint, ich soll mit einem Jahr rechnen, insgeheim hoffe ich aber, dass es schneller geht. Bis dahin denke ich in kleinen Schritten. Wie toll es ist, wieder ohne Hilfe eine Tasse von A nach B tragen zu können, weiß nur, wer es selbst durchgemacht hat.
Wie hat Ihr Umfeld reagiert, gibt es dort mahnende Stimmen?
Mittermüller: Früher haben meine Eltern so reagiert, aber die Verletzungen waren ein Preis, den ich geschluckt habe. Heute sagt keiner mehr etwas, meine Freunde sind teilweise noch wilder als ich.
Lebensfroh: Vor drei ­Wochen lag Silvia noch im Krankenbett, jetzt kurvt sie schon wieder durch die Stadt.
37 Jahre alt, ein Jahr verletzt, kein Verband im Rücken – wenn ich fragen darf, wie finanziert man sich so ein Leben?
Mittermüller: Über ein großes Netzwerk auf der ganzen Welt, es geht immer irgendwo eine neue Tür auf. Im Sommer haben wir zum Beispiel eine fünfteilige Fernsehserie gedreht, die vermutlich Anfang 2021 auf ZDFneo kommen wird. Ich habe auch überall einen Platz zum schlafen und lege keinen Wert auf Luxus.
Sesshaft zu werden liegt Ihnen also fern?
Mittermüller: Der Gedanke, zur Ruhe zu kommen, macht mir Angst. Ich lebe ein ziemliches Gypsy-Leben, aber ich liebe es. Ich habe zwischenzeitlich überlegt, was ich mit meinem Leben machen will, ob mir nicht etwas anderes Sinnvolles einfällt, aber ein Nine-to-five-Job zeichnet sich bei mir nicht ab. Mein nächstes Ziel könnte Mexico City sein.
Warum das?
Mittermüller: Ich habe jüngst mein Spanischbuch herausgeholt. Ich kenne jemanden in Mexico City. Wenn es mit meinem Knie wieder einigermaßen geht, könnte ich mir vorstellen, einige Wochen dort hinzugehen, mitten ins Zentrum, und nur Spanisch zu sprechen. Das ist nur ein Hirngespinst, aber ich will leben.

Das Interview führte Mathias Müller.

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