Wohlstand auf Kosten anderer

So geht‘s nicht weiter -  Kolumne von Susanne Breit-Keßler*

Susanne Breit-Kessler, ehemalige evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern.
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Susanne Breit-Kessler, ehemalige evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern.

„Das mit unserem Wein wird schwierig nächstes Jahr“, sagt die österreichische Wirtin. „Die Saisonarbeiter aus Polen und Tschechien kommen nicht mehr zur Weinlese - denen sind die Löhne zu niedrig. Und man findet niemand dafür.“ 

Man könnte darüber räsonieren, dass die Saisonarbeiter unerhörterweise Forderungen stellen. Und wir mehr für den Roten zahlen dürfen.

Oder man geht in sich. In vielen Bereichen leben wir auf Kosten anderer. Den Wein sollen die heranschaffen, die Trauben für wenig Geld ernten. Jeder Deutsche kauft rund 60 bis 90 Kleidungsstücke pro Jahr. Bei mir sind es deutlich weniger. Aber auch das Wenige, das man kauft, lässt sich nicht lässig abhaken. Es hängen Menschenleben dran.

Wo Fast Fashion herkommt, ob Pestizide verstreut, Näherinnen mies bezahlt und an ihren Arbeitsplätzen menschenunwürdig behandelt werden – das muss einen interessieren. Weltweit schuften 152 Millionen Kindern unter Bedingungen, die sie ihrer elementaren Rechte und Bildungschancen berauben. Sie dürfen nicht zur Schule gehen und riskieren ihre Gesundheit, ihr Leben.

Es bedarf eines scharfen Blicks auf Herstellung und Arbeitssituation

Ein Wohlstand, der darauf pfeift, hat nichts mit „Wohl“ zu tun und schon gar nicht mit Anstand. Was unsereins genießt, sollte anderen Menschen Leben ermöglichen. Alles: Lippenstifte, Kaffee, Haselnüsse, Teppiche, Batterien, Pflaster- und sogar Grabsteine – bedarf deshalb eines scharfen Blicks auf Gewinnung, Herstellung und Arbeitssituation.

Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung hat mit dem Arbeits- und Sozialministerium Eckpunkte für ein Lieferkettengesetz erarbeitet. Unternehmen sollen Menschenrechte wahren und darüber Bericht erstatten. Arbeitende könnten demnach ihre Rechte einklagen und Schadensersatz in Deutschland fordern.

„Mit großem Entsetzen“, so ein „Wirtschaftsweiser“, sehe er auf das geplante Lieferkettengesetz. Er fürchtet, die deutsche Wirtschaft werde durch die zusätzlichen Aufgaben geschwächt. Ich schaue mit großem Entsetzen darauf, dass die Menschenwürde von Kindern, Frauen und Männern mit Füßen getreten wird. „Darauf liegt kein Segen“ hat man früher gesagt. Auf Achtung vor dem Mitmenschen schon.

*Susanne Breit-Keßler war evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern.