Erstmal für sich bleiben - es wird wieder anders

Spitz auf Knopf - Kolumne von Susanne Breit-Keßler*

Susanne Breit-Keßler war evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern.
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Susanne Breit-Keßler war evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern.

Fünf Schritte vor in Richtung Küche. Kühlschranktür auf, ein Stückchen Käse holen. Pause. Fünf Schritte zurück zum Sofa. Hinlegen. Der Weg zum Briefkasten ist jetzt zu weit. Schade, vielleicht wäre ein aufmunternder Brief im Kasten. Aber nicht mehr zu schaffen.

Nächste Woche vielleicht oder in einem Monat. Dafür: eine Kerze anzünden. Die steht schon da, Streichhölzer liegen daneben. Blickwechsel auf die Astern im Fenster. Tolkien lesen. Das war´s für heute.

Wer Verzicht gelernt hat, etwa in und nach einer schweren Krankheit, der weiß, wie wenig selbstverständlich es ist, in aller Freiheit und Unbeschwertheit leben zu können. Ich habe das erlebt. Mit einem Schlag war alles anders. Nichts ging mehr. Persönlicher Lockdown, aber wie. Hohe Infektionsgefahr bei Chemotherapie, deshalb massive Kontaktbeschränkungen. Die allmähliche Rückkehr ins Leben war mühsam. Zentimeterweise nur habe ich mich vorwärts geschoben. Über ein Jahr lang.

Menschen wie ich tun sich deshalb mit den Corona-Einschränkungen nicht so schwer. Das hat man alles schon mal durch – kein Ausgehen, keine Kulturveranstaltungen, an Urlaub nicht zu denken. Stattdessen Exitus vor den Augen. Wer das glücklicherweise nicht kennt und auch nie kennenlernen soll, wer aufgewachsen ist mit allem, was das Leben so bietet, wie kann der sich mit seiner Lebenslust so einfach reinschicken in Allgemeinverfügungen und Regeln?

Gemeinsam. Das ist das Stichwort

Verzichten kann man nicht von heute auf morgen. Warum soll nicht mehr gehen, was Zeit des eigenen Lebens immer möglich war? Verreisen, Party, Feiern. Es ist eh ein Wunder, dass die weit überwiegende Mehrheit der Bevölkerung alle Maßnahmen der Regierung tapfer mitvollzieht. Kritik, die hie und da an einzelnen Punkten laut wird, darf und muss in einem lebendigen Gemeinwesen sein. Gemeinsam. Das ist das Stichwort. Jeder und jede Einzelne zählt.

Das passt zum Reformationstag. Luther fand, dass vor der Anerkennung jeder Institution die Beziehung zwischen Gott und Mensch entscheidend wichtig ist. Und die zwischen Mensch und Mitmensch. Erst dann kommen Regierung, Kirche oder wen es als verfasste Einheit noch gibt. Wer mit dem Herrgott hadert, auch wegen der momentanen Situation, kann immerhin den Nächsten ins Auge fassen. Es wäre eine Reformation, eine Erneuerung eigener Art, wenn man mal anderen zuliebe verzichtet.

Und entdeckt, was man trotz Beschränkungen alles hat: Freunde und die Technik, ihnen virtuell zu begegnen. Ein Dach über dem Kopf, Heizung an kalten, Spaziergänge an sonnigen Tagen. Mehr als fünf Schritte. Herbstblumen, asiatisches, bayerisches und italienisches Essen, grünen Tee und Kaffee, Wasser und Rotwein ... Hunde, Katzen, Meerschweinchen. Es steht jetzt Spitz auf Knopf. Kerzen anzünden. Erstmal für sich bleiben. Es wird wieder anders.

*Die frühere evangelische Regionalbischöfin Susanne Breit-Kessler ist Vorsitzende des Ethik-Rates.