Seit 1989 gibt es Bauernmärkte in München

Stadt, Land, Genuss - Kolumne von Susanne Breit-Keßler*

Susanne Breit-Keßler, ehemalige evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern.
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Susanne Breit-Keßler, ehemalige evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern.

Es gibt wenig Orte, an denen man sein Menschsein klassenlos und ohne Schielen auf Milieuzugehörigkeit feiern kann. Der Biergarten lässt solche soziale Entfaltung zu, weil jeder und jede hindarf. Statussymbole zählen wenig - es sei denn, es geht um das, was man sich zusätzlich zur mitgebrachten Brotzeit kaufen kann.

Die Bauernmärkte der Stadt München geben der humanen Vielfalt ebenfalls luftigen Raum. Seit 1989 gibt es sie. Die ersten beiden standen am Mariahilfplatz in der Au und am Schwabinger Fritz-Hommel-Weg. Mittlerweile sind es elf. An den Ständen kann man saisonal kaufen, was regional erzeugt wurde. Bei weitem nicht alles ist Bio - aber die Produkte haben kurze Wege hinter sich, sind frisch und preiswert. Wo sonst zieht man mit einer Riesentasche Gemüse für zehn Euro von dannen?

Auf einem Bauernmarkt weiß man um die richtige Zeit

Man plaudert mit der Kuchenbäckerin aus Hofolding, die mit ihrem Mann eine Bio-Landwirtschaft führt. Niemand kann besser backen als die oberbayerische Landfrau. Bei ihr trifft man sich auch auf Kaffee und Kuchen - der Feuerwehrmann kommt, die in jeder Hinsicht gut betuchte alte Dame im lila Hosenanzug, junge Mütter mit Kindern, geschäftige Geschäftsleute, einer mit elend wenig Geld, dafür mit vielen Lasten, Leute von anderen Ständen. Man grüßt sich, lacht miteinander oder sorgt sich. Weiter geht es zum Fisch-Händler: Weder Konservierungsstoffe noch künstliche Aromen - da futtern die Kunden schon am Stand eine Fischsemmel und plaudern mit vergnügten Zwiebelmündern. Frisch, geräuchert, mariniert - alles einheimisch. Schwätzchen und Tipps für Hobby-Köche eingeschlossen. Beim Metzger gibt es neben Qualität auch pfiffige Rezepte. Man muss halt Zeit mitbringen.

„Haben Sie Zitronen?“ Die Frage auf einem Bauernmarkt zu stellen, ist einigermaßen naiv. „Mia samma a Bauernmarkt“ sagte der niederbayerische Verkäufer stirnrunzelnd. „Mia hamma koane Zittrusfrüchte.“ Der Landwirt, der ohne Unterschied jeden duzt und alten Leuten hilfreich die Taschen packt, er hat bunte Tomaten vom Feld, eingelegtes Gemüse, Blumensträuße zu jeder Jahreszeit und Gebinde bis hin zum Adventskranz. Für letzteren ist es längst noch nicht soweit, auch wenn Lebkuchen und Dresdner Stollen bereits in den Geschäften liegen. Auf dem Bauernmarkt gibt es im Herbst nichts Vorweihnachtliches. Dort weiß man um die richtige Zeit. Darum, was der Mensch braucht - und dass jeder seinen Platz hat. Deswegen heißt es auch: „Pfiad di, bis nachste Woch‘n“. Nur zu gern.

*Die frühere evangelische Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler ist Vorsitzende des Ethik-Rates.