Tagebuch eines 21-jährigen Syrers

Bayans Leben in der Unterkunft: „Es geht drunter und drüber“

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Bayans Bett: Er teilt sich sein Zimmer in Solln mit fünf anderen.

Bayan Alrazzah ist 21 und kommt aus Aleppo in Syrien. Vor zwei Jahren ist er alleine nach Deutschland geflüchtet. Seitdem lebt er als anerkannter Flüchtling in München. Für unsere Zeitung führt er Tagebuch über seinen Alltag. Heute berichtet er über seine Unterkunft.

Vom Leben zu Hause zum Leben als Asylbewerber – darüber möchte ich heute berichten. Über mein Leben in der Unterkunft in Solln. Mein Alltag dort ist schwer. Es gibt viele Probleme und niemand hört zu.

Als ich in Aleppo war, habe ich mit vier Leuten in einem Haus gelebt. Aber sie waren meine Familie. Nun wohne ich in einem Gebäude, in dem 400 Menschen aus verschiedenen Ländern leben – aus Syrien, aus dem Iran, auch aus Afrika und Afghanistan. Das Gebäude besteht aus vier Etagen. Im ersten Stock leben die Familien. 

Bayan Alrazzah

Ich wohne im zweiten Stock, dort sind alle Bewohner ledig. Manche sind jung, manche sind alt. Wir haben in meinem Stock zwei Küchen und vier Toiletten für 50 Menschen. Es gibt zwei Badezimmer, aber eines ist zur Zeit defekt. Das andere hat sechs Duschkabinen, aber nur eine davon funktioniert. Man muss immer lange warten, bis man duschen kann. Vor einiger Zeit hatten wir nur kaltes Wasser. Inzwischen ist es etwas besser, aber warm wird es immer noch nicht. Niemand greift uns unter die Arme. Das ist das Schlimmste.

Auch wenn ich kochen möchte, muss ich fast immer warten. Die Küchen sind nur bis 12 Uhr offen. Man braucht sehr viel Geduld, wenn man in einer Unterkunft lebt. Sonst wird man ganz verrückt.

In meinem Zimmer sind wir jetzt sechs Leute. Ich kann dort nie in Ruhe lernen und es ist nachts schwer einzuschlafen. Bei uns geht es sozusagen drunter und drüber. Wenn mich jemand besuchen möchte, ist es mir peinlich, wie ich wohne. Weil ich kein eigenes Zimmer habe. In Aleppo hatte ich das auch nicht, aber dort konnte ich in Ruhe schlafen und gut lernen.

Ich wünsche mir, dass ich irgendwann eine eigene Wohnung habe und diesen schrecklichen Ort verlassen kann. 

Bayan Alrazzah

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Quelle: Merkur.de