Die Wahrheit wird geopfert

Tausend kleine Lügen - Gastkolumne von Regionalbischöfin Susanne Breit-Kessler*

Susanne Breit-Kessler, evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern.

Das Berliner Max-Planck-Institut für Bildungsforschung und das Technion-Israel Institute of Technology haben Anfang des Jahres eine Metastudie zur Lüge veröffentlicht. 

565 Untersuchungen mit über 40 000 Probanden lagen der Studie zu Grunde. Dabei herausgekommen ist, dass Männer ein bisschen mehr schwindeln als Frauen, jüngere eher als ältere - und dass Lügen mit der jeweiligen Situation und den Bedingungen des persönlichen Umfeldes zusammenhängen.

Menschen nutzen tausend kleine Lügen, um sich aus komplexen Situationen herauszuwinden. Sie möchten aus Angst und Schwäche nicht zu sich selber stehen. Irgendwer, irgendwas ist schuld, bloß nicht man selbst. Um gut dazustehen, lügt man andere an. Sie sind einem die Wahrheit nicht wert. Menschen belügen sogar sich selbst, weil die Wahrheit manchmal weh tut und einen zum Handeln zwingt. Das passt zu einer Gesellschaft, in der die Lüge pathologisch gelebt wird.

Wahrheit wird auf dem Altar der Emotionalisierung geopfert. Was zählt, ist nur noch die eigene, unfundierte Meinung. Selbst Wahlen werden damit gewonnen, dass Menschen ohne jeden Anhalt an der Realität oder sogar gegen die Realität ihrem subjektiven Empfinden folgen. Der geradezu wahnsinnige Begriff der "Alternativen Fakten" ist der Niedergang einer demokratischen und menschlichen Kultur, in der man eigentlich gelernt hat, selbstkritisch eigene Auffassungen zu überprüfen.

Aber die Wahrheit wird gemieden, weil einfache Antworten bequem sind. Weil man das Selbstbild aufrecht erhalten möchte. Oder man folgt der Lüge, weil es angenehm ist, ständig die Rolle des Verlierers zu beklagen, die man vermeintlich innehat. Es wäre interessant, Wahlen unter diesem Gesichtspunkt zu analysieren. Es gibt die Differenz zwischen dem, was stimmt und aufgrund belegbarer Tatsachen stimmig zu benennen ist - und den Stimmungen, die zur Simplifizierung komplexer Wirklichkeit geschürt werden.

Diese Differenz sichtbar zu machen, ist elementar für jede Wahrheitssuche. Denn Stimmungen sind brandgefährlich, wenn sie gegen kritische Überprüfung immunisiert werden. Sie sind - wie im Internet - Durchlauferhitzer für kursierende Diffamierungen, Hass und Hetze. Wahrheit einander vorzuenthalten, ist zerstörerisch. Für einen selbst, für Beziehungen und die gesamte Gesellschaft. Mut und Mündigkeit helfen, um die selbstverstärkenden Lügen zu entkräften. Und Wahrheit, mit Argumenten und bereit zur Diskussion vorgetragen, die macht frei.

*Susanne Breit-Kessler ist noch bis 1. Dezember evangelische Regionalbischöfin für München und Oberbayern. Künftig schreibt sie alle zwei Wochen eine Kolumne im Bayernteil.

Sie erreichen die Autorin per mail unter: bayern@merkur.de

Quelle: Merkur.de