Reformbewegung in der katholischen Kirche

Thesen-Anschlag 2021: Die Frauen von Maria 2.0 machen mobil

Tanja Daubner und Renate Spanning von der Frauenbewegung Maria 2.0 am Münchner Liebfrauendom
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Am Portal des Münchner Liebfrauendoms haben die „Maria 2.0“-Anhängerinnen Tanja Daubner und Renate Spannig (rechts) ihre Thesen angebracht. Sie fordern Reformen in der katholischen Kirche.

Dass der Reformator Martin Luther vor über 500 Jahren seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche von Wittenberg geschlagen haben soll, ist eine Legende. Doch die Frauen von „Maria 2.0“ haben gestern in der Tat ihre Reformvorschläge an die Kirchentüren geheftet. In ganz Deutschland.

München – Gegen den Ablasshandel in der katholischen Kirche ist Martin Luther vor nunmehr 504 Jahren zu Felde gezogen. Damals kam es zur Kirchenspaltung. Gestern haben Frauen in München, Freising, Erding und Herrsching, aber auch in vielen anderen bayerischen Orten und in ganz Deutschland ihre Thesenpapiere an katholischen Kirchentüren angebracht. Sieben Thesen mit Visionen, wie die katholische Kirche heute sein sollte – „an alle Menschen, die guten Willens sind“.

Die Frauen von „Maria 2.0“ haben sich den Zeitpunkt der provokanten Aktion gut überlegt. Morgen, Dienstag, kommt die Deutsche Bischofskonferenz online zu ihrer Frühjahrsvollversammlung zusammen – auf dem Programm stehen auch die Konsequenzen aus der Studie über den sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche, der Umgang mit geistlichem Missbrauch und die Kirchenaustritte. Von den Frauen bekommen die Herren Kardinäle und Bischöfe zusätzlich das Thesenpapier vor die Nase gelegt. Darin fordern sie:

■  1. Eine gerechte Kirche, in der alle Menschen die gleiche Würde und die gleichen Rechte haben und damit Zugang zu allen Ämtern.

■ 2 . Macht wird geteilt.

■  3. Taten sexualisierter Gewalt werden umfassend aufgeklärt und Verantwortliche zur Rechenschaft gezogen. Ursachen werden konsequent bekämpft.

■  4. Eine Sexualmoral mit wertschätzender Haltung und Anerkennung gegenüber selbstbestimmter, achtsamer Sexualität und Partnerschaft.

■  5. Ende der Zölibatsverpflichtung.

■  6. Verantwortungsvolles und nachhaltiges Wirtschaften – gegen Prunk und Bereicherung.

■  7. Ein Handeln der Kirche im Einklang mit der Botschaft Jesu Christi. Kirche soll sich dem gesellschaftlichen Diskus stellen.

Hiltrud Schönheit

Dass sie mit einem Thesenpapier im Stile Luthers provozieren, ist Renate Spannig (50) bewusst. Auch, dass Kritiker den Frauen vorschlagen werden, doch in die evangelische Kirche zu wechseln, weil sie dort ja alles hätten, was sie wollten. „Wir wollen nicht spalten“, sagt Spannig. „Wir wollen aufrütteln und rufen: Leute, wenn ihr so weiter macht, passiert das aber wieder.“ Wenn es keine Konsequenzen gebe, würden noch viel mehr Menschen der Kirche den Rücken kehren, einschließlich der jungen Generation. Und so stand sie gestern zusammen mit Vertreterinnen des Bundes der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) vor dem Münchner Liebfrauendom, um das Frauenpapier an die Domtür zu kleben. Die Bischofskonferenz solle endlich beginnen, sich mit den in der Kirche notwendigen Reformen auseinanderzusetzen und den Willen zu Veränderungen durch Taten zu bezeugen, fordert „Maria 2.0“.

Auch die engagierte Katholikin Hiltrud Schönheit aus München ist dabei. Sie befestigte an der Kirchentür von St. Michael in der Fußgängerzone das Sieben-Punkte-Papier. Auch Schönheit, die sich im Katholikenrat der Region München engagiert, will Reformen innerhalb der Kirche: „Nein, ich will gar nicht evangelisch werden. Ich will katholisch bleiben. Das entspricht meinen Gefühlen, meiner Vita und allem, was mir wichtig ist.“ Doch das, was falsch laufe, will sie trotzdem benennen dürfen. Schönheit beobachtet bei einigen Bischöfen ein langsames, aber vernehmbares Umschwenken. So habe der Münchner Kardinal Reinhard Marx bei der Online-Versammlung zum „Synodalen Weg“ dafür plädiert, Weihe und Leitung zu entkoppeln, denn sonst könnten Frauen auch in Zukunft keine Leitungsaufgaben in der Kirche wahrnehmen. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass das für die Zukunft irgendeine Perspektive ist“, hatte Marx betont.