Traditionsbewahrer ohne Führungskräfte

Den Trachtlern gehen die Chefs aus: Oft droht deshalb die Vereinsauflösung

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Wenn der Vorsitzende seinen Hut nimmt, findet sich kein Nachfolger: Dieses Problem haben einige Trachtenvereine in Bayern.

Lederhosen und Dirndl sind hoch angesagt. Trotzdem haben viele Trachtenvereine Zukunftsängste – weil sie keine Führungskräfte finden. Manche müssen sich sogar auflösen, weil niemand Vorsitzender werden will.

Peter Eicher, stellvertretender Vorsitzender des Trachtenverbands.

München– Als Chef ist Gerhard Mayer derzeit gefragter denn je. Schließlich muss er ein Fest für 2000 Trachtler organisieren, auf Behörden rennen, sich mit dem Roten Kreuz abstimmen und Programmdetails festlegen. „Der Verein beschäftigt mich sieben Tage die Woche“, sagt der 56-Jährige, der eigentlich gar nicht der Chef ist. Offiziell ist Mayer stellvertretender Vorsitzender des Trachtenvereins „Almrausch“ in Wasentegernbach, ein Stadtteil von Dorfen (Kreis Erding). Nur gibt es niemanden, den er vertreten könnte. Seit drei Jahren findet der Verein trotz seiner über 190 Mitglieder keinen Vorsitzenden. Ausgerechnet vor dem 100-jährigen Jubiläum, das Mitte 2019 groß gefeiert werden soll, ist die Zukunft der Wasentegernbacher Trachtler ungewiss wie nie.

Sie sind nicht alleine mit ihren Sorgen. Das betont Peter Eicher, stellvertretender Vorsitzender des Bayerischen Trachtenverbands: „Die Bereitschaft, ehrenamtliche Führungsaufgaben zu übernehmen, wird immer geringer.“ Ihm ist eine paradoxe Entwicklung aufgefallen: „Trachten liegen im Trend, die Gesellschaft ist wieder interessiert am Brauchtum – aber trotzdem sind Vereinsauflösungen zu befürchten.“

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So wie in Dorfen, wo es am Samstag wieder einmal um das Schicksal der Traditionsbewahrer geht. Vor der Generalversammlung sagt Gerhard Mayer offiziell: „Ich stelle mich nicht zur Wahl.“ Und wohl auch kein anderer – sowie 2015, als er schon mal aufhören wollte. Seit 2012 stand Mayer als Erster Vorsitzender an der Vereinsspitze. Wie heute war ihm die Belastung zu groß. An zwei von drei Wochenenden arbeitet er als Disponent im Schichtdienst am Flughafen München, oft muss er für Trachtenveranstaltungen Schichten tauschen oder freinehmen. „Ich hab mich damals breitschlagen lassen“, sagt Mayer. Ein Nachfolger war nicht in Sicht, so ließ er sich zum Stellvertreter wählen und übernahm die kommissarische Leitung.

Gerhard Mayer kommissarischer Chef der Trachtler in Wasentegernbach.

Umtriebig sind die Wasentegernbacher auch mit der Interimslösung: Sie organisieren Volkstänze, spielen Theater, beschäftigen rund 50 Kinder und haben eine eigene Musikgruppe. „Da steckt viel Organisationsaufwand drin“, sagt Mayer. „Aber er wird für ein paar wenige immer mehr.“ Warum sein Amt so unbeliebt ist? „Der Kassier kann sich seine Arbeit selbst einteilen, für den Vorsitzenden sind die Termine zu 90 Prozent festgelegt. Das wirkt auf viele abschreckend.“

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Für Trachtenverband-Vize Peter Eicher spielt der Zeitgeist eine Rolle: „Die Leute wollen sich nicht binden und ihre Freizeit frei und spontan gestalten.“ Außerdem brächten bürokratische Hürden wie steigende Behördenauflagen oder die Datenschutzgrundverordnung mehr Verantwortung mit sich.

Auch Michael Unruh, Vorsitzender des Isargaus, hört immer wieder, dass Vorstandschefs ein paar Jahre dranhängen, weil sich niemand um ihren Posten reißt. „Das Amt wird als Verpflichtung gesehen.“ In akuter Not sei deshalb der Verein Salzachtaler Stamm in Haiming bei Burghausen. Laut Unruh ist in den nächsten zwei Jahren eine Auflösung möglich.

Im Oberpfälzer Landkreis Schwandorf ist genau das passiert: Der Trachtenverein HTV Stamm Burglengenfeld existiert seit September ganz offiziell nicht mehr. Die Auflösung beschloss man im April 2017 – nach 97 Jahren. Auch beim dritten Anlauf hatte sich niemand als Nachfolger für den Vorsitzenden Werner Summer zur Wahl gestellt. Der war bereits 2006 als Retter eingesprungen. Im vergangenen Jahr schied er mit 76 Jahren aus Altersgründen aus. Noch immer fragen Summer Menschen auf der Straße, warum er den Verein aufgegeben hat. Es kränkt ihn: „Ich war das nicht alleine. Es will einfach keiner machen. Mir blutet das Herz.“

Hoffnung macht Isargau-Chef Unruh, dass immer öfter Frauen das Amt übernehmen: so wie Silvia Hartinger heuer bei den Stoaberglern in Gelting (Kreis Ebersberg). Für Unruh brauchen Vorsitzende vor allem eine Kompetenz, damit ihr Trachtenverein Zukunft hat: „Sie müssen junge und alte Mitglieder gleichermaßen einbinden.“

Quelle: Merkur.de